Meditationen für jeden Tag

Jahreskreis
23. Woche - Dienstag

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mit jesus, dem gesalbten, beten

An den Wurzeln des Gebetes.
Der Psalm 2.
Als Söhne und Töchter des Königs.

I. Das heutige Evangelium1 berichtet vom Gebet des Herrn. Es heißt dort, er ging auf einen Berg, um zu beten. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott. Am folgenden Tag erwählte er die Zwölf Apostel. Es war also das Gebet Christi für die beginnende Kirche, der Anfang jenes Gebetes, das am Ende seines irdischen Wirkens in die Bitte mündet: Ich bitte nicht, daß du sie aus der Welt nimmst, sondern, daß du sie vor dem Bösen bewahrst2, und: Heilige sie in der Wahrheit.3

Fragen wir uns einmal, wie das Beten Jesu gewesen sein muß, der seine Jünger aufforderte, allzeit zu beten und darin nicht nachzulassen4.

Zentral im Gebetsschatz des Herrn müssen die hundertfünfzig geistlichen Gesänge gewesen sein, die auf hebräisch - ganz ihrer literarischen Art entsprechend - Loblieder und auf griechisch psalmoi, also Lieder zur Harfe, heißen. Sie gehörten zur Tempelliturgie des Alten Bundes und zum Gottesdienst der Synagoge, aber ebenso sind sie jeder jüdischen Familie geläufig. Jesus wird sie von Maria und Josef gelernt haben. »Die Psalmen sind das >Gebetbuch< Jesu Christi. Sie bilden die geistige Welt, in der der Erlöser, seiner Menschheit nach, lebt. So sehr gehören ihm die Bilder-, Ausdrucks- und Aussagewelt der Psalmen, daß sie ihm bei entscheidenden Situationen auf die Lippen kommen. Sie werden sogar sein Sterbegebet. Die Psalmen sind eben Geist vom Geiste Jesu Christi. Sie kommen aus der Höhe zum Menschensohn Christus Jesus und steigen wieder vom Menschensohn zur Höhe der göttlichen Herrlichkeit. Christus ist Anfang und Ziel der Psalmen. Christus ist die Mitte der Psalmen.«5

Die Psalmen sind »erst ein Schatten jener Fülle der Zeit, die in Christus, dem Herrn, angebrochen ist und aus der das Gebet der Kirche seine Kraft gewinnt.«6 Die Kirche betrachtet sie als einen wichtigen Teil der heiligen Liturgie und des Gottesdienstes. Sie »betet mit jenen großartigen Liedern, die heilige Verfasser im Alten Bund auf Eingebung des Geistes Gottes gedichtet haben. Sie haben von ihrem Ursprung her die Kraft, Geist und Herz des Menschen zu Gott zu erheben und in ihnen fromme und heilige Gesinnung zu wecken. Im Glück helfen sie danksagen, im Unglück bringen sie Trost und Standhaftigkeit.«7 Die Psalmen sind - vor allem beim Stundengebet - »= 7 Die Psalmen sind - vor allem beim Stundengebet - die geborene Stimme der Kirche«8, »Quelle der Frömmigkeit und Nahrung für das persönliche Beten«9. Dies bezeugt Augustinus mit seiner persönlichen Erfahrung: »Wieviel weinte ich bei deinen Hymnen und Gesängen, heftig bewegt durch die Stimme deiner Kirche, die lieblich erklang. Diese Stimme strömte in meine Ohren ein, und klar und lauter floß die Wahrheit in mein Herz. Dort entzündete sie die Gefühle der Frömmigkeit.«10

Unter den messianischen Psalmen ragt der Psalm 2 hervor. Seine Mitte ist das geheimnisvolle Wort: Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt. »Glauben, daß der, der auf Golgota gestorben ist, zugleich derjenige sei, zu dem diese Worte gesagt sind, scheint ein unerhörter Widerspruch. Was bedeutet diese Anwendung des Wortes? Sie besagt, daß man die Königshoffnung Israels in dem am Kreuz Gestorbenen und für das Auge des Glaubens Auferweckten erfüllt weiß. Sie bedeutet die Überzeugung, daß zu dem, der am Kreuz starb; zu dem, der aller Macht der Welt entsagte (...); zu dem, der alle Schwerter beiseite legen ließ und nicht, wie es die Könige der Welt tun, andere für sich in den Tod schickte, sondern selbst in den Tod für andere ging; zu dem, der den Sinn des Menschseins nicht in der Macht und in deren Selbstbehauptung, sondern im radikalen Sein für die anderen sah, ja, der das Sein für die anderen war, wie das Kreuz es zeigt - daß zu ihm und zu ihm allein Gott gesagt hat: >Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.< Im Gekreuzigten wird für die Glaubenden sichtbar (...), was der wahre Sinn von Königtum ist.«11

Die Apostelgeschichte12 zeigt, wie die ersten Christen in diesem Psalm Kraft inmitten ihrer Prüfungen fanden. Als Petrus und Johannes vor den Hohen Rat geführt wurden, weil sie im Namen Jesu einen Gelähmten am Tor des Tempels geheilt hatten, gaben sie mutig Zeugnis. Nach ihrer Freilassung gingen sie zu den Ihren und berichteten, was die Hohenpriester und die Ältesten zu ihnen gesagt hatten. Dann beteten sie gemeinsam zu Gott: Herr, du hast den Himmel, die Erde und das Meer geschaffen und alles, was dazugehört; du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt: Warum toben die Völker, warum machen die Nationen vergebliche Pläne? Die Könige der Erde stehen auf, und die Herrscher haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Gesalbten. Sie baten den Herrn um Kraft, trotz aller Drohungen sein Wort mit allem Freimut weiter zu verkünden, weil sie wußten: dies war ihr Auftrag und ihre Verantwortung.

II. Der Psalmist wendet sich zu einem Zeitpunkt an den Herrn, da Jerusalem von feindseligen Völkern und Fürsten bedroht ist. Prophetisch in ihrem Charakter, erfüllen sich seine Worte in Christus und bleiben seitdem gültig. Auch wir können beten: Warum toben die Völker, warum machen die Nationen vergebliche Pläne? Warum soviel Haß gegen Gott in der Welt? Was mit der Ursünde begann, dauert fort: Die Könige der Erde stehen auf, die Großen haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Gesalbten - gegen Gott und gegen alles, was Gottes ist. Die unantastbare Würde der alten Menschen, der Ungeborenen und Wehrlosen wird mißachtet, die Kirche verunglimpft, Christus selbst verhöhnt, Menschen, die dem Glauben treu bleiben, belächelt oder verleumdet...

Doch Gott ist stärker. Zu ihm, dem lebensspendenden Felsen13 gingen Petrus und Johannes und alle, die an jenem Tag bei ihnen waren. Am Ende ihres Gebetes, berichtet Lukas, wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt, und sie verkündeten mit allem Freimut das Wort Gottes14.

Dies ist »kein einmaliges, in sich abgeschlossenes Geschehen gewesen. Für immer ist er in der Kirche wirksam, aber immer auch von neuem und individuell und >situativ< in jedem einzelnen Gläubigen. Die Ausgießung des Heiligen Geistes ist das Lebensprinzip der ganzen Kirche auf Erden und auch das Belebungs- und das Steuerungsprinzip des einzelnen Menschenherzens. Nur dessen eigener böser Wille kann das verhindern und zunichte machen.«15

Laßt uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke: ein weltweiter Ruf. »Sie durchbrechen das sanfte Joch, sie werfen von sich seine liebenswerte Bürde der Heiligkeit und der Gerechtigkeit, der Gnade, der Liebe und des Friedens. Sie wüten gegen die Liebe, sie verspotten die wehrlose Güte eines Gottes, der auf Legionen von Engeln, die ihn verteidigen könnten, verzichtet (vgl. Joh 18,36).«16 Doch er, der im Himmel thront, lacht, der Herr verspottet sie.

Dann aber spricht er zu ihnen im Zorn, in seinem Grimm wird er sie erschrecken. Aber triumphieren nicht die Widersacher Gottes? Die Geschichte ist, wie Augustinus in seinem Gottesstaat gezeigt hat, »ein ständiger Kampf zwischen zwei Reichen: dem Reich Gottes und dem Reich des Bösen (des Satans). Sie unterscheiden sich durch zweierlei Liebe: Gottesliebe und Selbstliebe. Meist ist beides miteinander vermischt. Deshalb darf man einzelne geschichtliche Ereignisse nicht vorschnell als Zeichen Gottes oder als Ausgeburt des Bösen deuten. Man muß vielmehr wissen, daß Gott ein verborgener Gott ist, der uns allein in Jesus Christus eindeutig erschienen ist. Allein von Jesus Christus her haben wir den Maßstab, um die Geschichte und das Leben zu beurteilen.«17

Derselbe Augustinus meint, Zorn Gottes sei bereits die geistige Blindheit derer, die sich gegen das göttliche Gesetz versündigen.18 Denn nichts ist unheilvoller, als sich Gott zu verschließen und das eigene Ich im Bösen und im Irrtum zu verhärten. Andererseits meint ein anderer Kirchenvater, Hieronymus, der Zorn, von dem im Psalm die Rede ist, sei »nicht sosehr Zorn wie die nötige Zurechtweisung, so wie der Vater dem Sohn, der Arzt dem Kranken, der Lehrer dem Schüler sie erteilt«19. Gewiß, Gott ist geduldig und will, daß alle Menschen gerettet werden20. Jedoch ist die Zeit des geduldigen Erbarmens nicht unbegrenzt: Für jeden Menschen kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann21.

Papst Johannes Paul II. hat sich Gottes Erbarmen zu verschließen als eines der Merkmale unserer Zeit charakterisiert. Der Mensch »bleibt in der Sünde gefangen, indem er von seiner Seite her seine Bekehrung und damit die Sündenvergebung unmöglich macht, die er als unwesentlich und unbedeutsam für sein Leben erachtet. Dies ist eine Situation des geistlichen Ruins.«22

III. Das Mysterium des Bösen ist die wohl bedrängendste Frage überhaupt. Wir wissen auf sie keine wirkliche Antwort. Der Psalm 2 proklamiert das alles überwindende Königsein Christi: Ich selber habe meinen König eingesetzt auf Sion, meinem heiligen Berg. Den Beschluß des Herrn will ich kundtun. Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt. »Gott, unser Vater, hat uns in seinem Erbarmen seinen Sohn zum König gegeben. Er droht und ist zugleich mild; er kündigt uns seinen Zorn an und schenkt uns seine Liebe. Mein Sohn bist du: Er wendet sich an Christus und er wendet sich an dich und an mich, wenn wir uns dazu entschließen, alter Christus, ipse Christus zu sein.

Die Sprache vermag nicht mehr auszudrücken, was das Herz angesichts der Güte Gottes empfindet. Er sagt zu uns: Du bist mein Sohn; nicht ein Fremder, nicht ein Knecht, den man gütig behandelt, nicht ein Freund - das wäre schon viel -, ein Sohn!«23, Dies ist unsere Zuflucht und eine beglückende Antwort: die Gotteskindschaft. Sie gibt uns die Stärke gegenüber einem Milieu, das sich feindselig gegen die christliche Sicht des Lebens stellt.

Gott, unser Vater, bleibt uns immer nahe. Seine Gegenwart wirkt überall: in den Herzen der Menschen wie in den Ereignissen der Geschichte, im Kleinen wie im Großen. Überall erwartet er uns: Fordere von mir, und ich gebe dir die Völker zum Erbe, die Enden der Erde zum Eigentum. Besonders im Umgang mit dem eucharistischen Herrn - in der Kommunion oder vor dem Tabernakel betend - können wir auf dieses göttliche Versprechen zurückkommen: Fordere von mir...

Johannes Chrysostomos vergleicht die Verheißungen Christi mit den Verheißungen im Alten Testament: »Uns ist ja nicht ein Land verheißen, das von Milch und Honig fließt, kein langes Alter und reicher Kindersegen, nicht Brot und Wein, Schaf- und Rinderherden; nein, unser harrt der Himmel und sein Glück, wir werden Kinder Gottes sein und Bruder seines Eingeborenen, gemeinsam unser Erbe besitzen, mit ihm Ruhm und Herrschaft teilen und tausend andere Gaben empfangen.«24

Du wirst sie zerschlagen mit eiserner Keule, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern. Nun denn, ihr Könige, kommt zur Einsicht, laßt euch warnen, ihr Gebieter der Erde. Dient dem Herrn in Furcht und küßt ihm mit Beben die Füße. Christus hat am Kreuz über seine Feinde triumphiert. Einige Väter wagen den Vergleich, die eiserne Keule sei das Kreuz, ein Holz mit stählerner Kraft.25

Der Psalm endet mit einem Aufruf, Gott ganz zu vertrauen. Wohl allen, die ihm vertrauen. »In deinen Händen ruht der Menschen Schicksal. Nichts kann auf Erden deiner Macht entgleiten. Du sprichst das Urteil über alle Völker, voll des Erbarmens. Reiche entstehen, blühen und zerfallen, aber das deine überdauert alle, denn deine Herrschaft ist von Gott verliehen, ewigen Ursprungs.«26

1 Lk 6,12-19. - 2 Joh 17,15. - 3 Joh 17,17. - 4 Lk 18,1. - 5 Th. Schnitzler, Was das Stundengebet bedeutet, Freiburg 1980, S.142. - 6 Allgemeine Einführung in das Stundengebet, 101. - 7 ebd., 100. - 8 Basilius, Homilie zu Psalm 1, 2. - 9 II. Vat. Konz., Konst. Sacrosanctum Concilium, 90. - 10 Augustinus, Bekenntnisse, 9,6. - 11 J. Ratzinger, Einführung in das Christentum, München 1968, S.176. - 12 Apg 4,23-31. - 13 1 Kor 10,4. - 14 Apg 4,29-31. - 15 P. Berglar, Petrus - Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.190. - 16 J. Escrivá, Christus begegnen, 185. - 17 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S.127. - 18 Augustinus, Erklärung der Psalmen, 2,4. - 19 Hieronymus, Erklärung der Psalmen, 2. - 20 1 Tim 2,4. - 21 Joh 9,4. - 22 Johannes Paul II., Enz. Dominus et vivificantem, 46-47. - 23 J. Escrivá, Christus begegnen, 185. - 24 Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 16,5. - 25 vgl. Athanasius, Kommentar zu den Psalmen, 2,6. - 26 Erste Vesper vom Christkönigssonntag, Hymnus.


Extraído de www.hablarcondios.org / www.franciscofcarvajal.org.
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