Jahreskreis
23. Woche - Freitag
44
Splitter und Balken
Das Ziel
fest im Auge.
Sehend werden.
Brüderliches Helfen.
I. Wißt ihr nicht, daß die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber daß nur einer den Siegespreis gewinnt?1 Die sportfreudigen und wettkampflustigen Korinther, die alle zwei Jahre in der Nähe ihrer Stadt die Isthmischen Spiele erlebten, müssen dieses Bild gut verstanden haben. Paulus bezieht es auf sich selbst - darum laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft - und auf alle Christen, auch auf uns: Lauft so, daß ihr ihn gewinnt. Es ist reizvoll, einen von der Liturgie her sicherlich nicht beabsichtigten Kontrast zwischen der heutigen Lesung und dem Evangelium2 zu sehen. Im Evangelium gebraucht der Herr ein gegensätzliches Bild: Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen? Oft hat der Herr die Pharisäer als Blinde bezeichnet und dabei nicht das Blindsein, sondern ihr vermeintliches Sehen verurteilt: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.3 Der Vorwurf läßt sich als Mahnung verstehen, unbefangen und ressentimentlos Menschen, Dingen und Situationen zu begegnen, ohne Vorurteile oder Vorverurteilungen.
Die Worte des heutigen Evangeliums sind Teil der Bergpredigt und in den gestrigen Zusammenhang eingebettet. Gestern hörten wir: Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! Und im Anschluß daran: Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. »Der Sinn dieser Worte ist nicht: Richtet die Menschen nicht, dann werden sie auch euch nicht richten (wir wissen ja aus Erfahrung, daß es nicht immer so ist), sondern der Sinn ist vielmehr: Richte deinen Bruder nicht, damit Gott dich nicht richtet; ja, besser noch: Richte den Bruder nicht, denn Gott hat auch dich nicht gerichtet.«4 Natürlich kann man im Leben nicht ganz ohne Urteilen und Richten auskommen. Viele Erfahrungen und Beobachtungen sind mit Wertungen verbunden. Aber sich ein Urteil über Sachverhalte, Meinungen oder Verhaltensweisen bilden ist etwas anderes als über einen Menschen richten.
Denn es könnte geschehen, was wir im heutigen Evangelium lesen: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? »Der Herr vergleicht die Sünde des Nächsten (die Sünde, über die gerichtet wird), wie auch immer sie aussehen mag, mit einem Splitter im Vergleich zu der Sünde dessen, der richtet (die Sünde des Richtens), die ein Balken ist. Der Balken ist die Tatsache des Richtens selbst, so schwerwiegend ist sie in den Augen Gottes.«5
Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Laß mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen, während du den Balken in deinem eigenen Auge nicht siehst? Unsere Neigung zum Hochmut läßt uns leicht und leichtfertig Urteile fällen, die ungerecht sind. Es kann sein, daß man die kleinen Fehler des Nächsten aufbläht, um sie - vielleicht unbewußt - als Alibi für die eigene Erbärmlichkeit zu benutzen.
Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. Stolz und Aufgeblasenheit neigen dazu, eigene Unzulänglichkeiten und Verfehlungen in die anderen zu projizieren. Die Demut hingegen schärft den Blick für die eigenen Armseligkeiten und schenkt uns Milde gegenüber denen des Nächsten. Man möchte sie dann verstehen, verzeihen und, wo möglich, helfen. Es gelingt dann, einen Sachverhalt richtig einzuschätzen, ohne gleich die daran beteiligten Personen zu verurteilen.
Das Richtet nicht... appelliert nicht nur an eine Demut, die das Verstehen erleichtert, sondern fördert eine Sachlichkeit, die wirklichkeitsgemäß ist. Jeder hat die Erfahrung gemacht, daß er sich in der Beurteilung eines Menschen geirrt hat. Verwunderlich ist das nicht, dringt doch nur Gott ins Herz und kennt die innersten Absichten der Menschen.
Die Demut ermöglicht das neidlose Anerkennen der Qualitäten anderer, mehr noch, wir können uns aufrichtig über sie freuen und werden fähig, ihre Schwächen nicht zu dämonisieren. Die heilige Theresia rät, »immer nur auf die Tugenden und guten Werke anderer zu sehen, ihre Fehler aber mit unseren großen Sünden zu bedecken. Wenn dies auch gleich anfangs nicht so vollkommen von uns geschieht, so werden wir uns dadurch doch allmählich eine große Tugend erwerben, nämlich die, daß wir alle Menschen für besser halten als uns selbst. Der Anfang ist alsdann schon gemacht, um mit der Gnade Gottes dahin zu gelangen.«6
II. Der Herr hat seine Jünger allmählich sehend gemacht für ihre eigenen Fehler. Es fällt nicht schwer, sie im Evangelium als zänkisch, streitsüchtig oder auch neidisch zu ertappen. Wie peinlich muß es gewesen sein, als sie miteinander stritten, wer von ihnen der Größte sei! Wahrscheinlich waren ihre Unarten mehr von unreifer Art als von tiefsitzender Bosheit. Man fühlt sich an den Ausspruch eines bedeutenden Forschers erinnert, der beim genüßlichen Erzählen seiner beruflichen Erfolge und Auszeichnungen dem Zuhörer augenzwinkernd zu verstehen gab, Eitelkeit sei das beste Heilmittel gegen Hochmut und Stolz.
Die Jünger hatten gewiß ihre Fehler, aber sie waren lernbereit. Und Jesus formte sie. »Das Tadeln der Seinen geschieht aus Liebe und immer verbunden mit dem Gnadengeschenk der Erleuchtung: daß sie den Tadel verstehen und an ihm wachsen. Wie hart fährt er Petrus, den gerade eben erst unter allen Aposteln Herausgehobenen, an, als dieser in so rührend-leibwächterhafter Art ihn vom Weg des Leidens abhalten möchte: >Hinweg von mir, Widersacher, du bist mir ein Ärgernis, da du nicht nach Gottes Gedanken, sondern menschlich denkst!< (Mt 16,23). Niemals ist ein Mensch schrecklicher gerügt worden für verkehrte Liebe als hier Petrus. Unsere Phantasie reicht kaum aus, uns vorzustellen, wie diese Worte Petrus ins Innerste und unglaublich schmerzlich getroffen, aber auch was sie im Hinblick auf die eigene und der Kirche Zukunft bewirkt haben müssen. Daneben die gütige Zurechtweisung des Philippus, der ihn bittet: >Zeige uns den Vater, und es genügt uns.< >So lange Zeit bin ich unter euch - und du hast mich nicht erkannt, Philippus?< (Joh 14,8-9). Was schwingt da doch alles mit: etwas menschliche Traurigkeit, Enttäuschung, ja der so menschliche Schmerz, nicht erkannt zu werden von den nächsten, den geliebtesten Freunden. Dann wieder diese äußerst feinfühlige Korrektur bei Martha, der Schwester der Maria und des Lazarus: >Martha, Martha, du machst dir Sorge und Unruhe um viele Dinge - eins nur ist nötig. Maria hat sich den besten Teil erwählt, der ihr nicht weggenommen wird.< (Lk 10,41-42). So spricht ein vertrauter Freund des Hauses. Er darf die Hausfrau mahnen, einmal die Küche sein zu lassen und lieber zuzuhören, weil die rechte Stunde dazu da ist.«7
Das Gebot der Nächstenliebe ist universal und schließt keinen aus, aber es kennt eine Rangordnung; es gilt zuallererst jenen gegenüber, die uns nahe stehen: der eigenen Familie, Freunden, Arbeitskollegen, Nachbarn... Auch wenn wir manchmal Menschen ob ihrer besonderen Qualitäten, Stärken und Begabungen bewundern, so hat doch jeder auch seine Schattenseiten: kann mißmutig, egoistisch, rechthaberisch, bequem sein. Jesus liebt seine Jünger so, wie sie sind - mit ihren Fehlern, die freilich die Bereitschaft einschließen, sich nicht mit ihnen abzufinden. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!8 - das schließt ein: ihn lieben, wie er ist, und so, wie wir uns selbst lieben: mit unseren Fehlern, freilich auch dem Willen, sie auszurotten. Und wo es angebracht ist, durch die brüderliche Zurechtweisung zu helfen, die der Herr selbst empfiehlt9.
Die brüderliche Zurechtweisung kann als Frucht der Liebe für beide Seiten nur wirksam sein, wenn sie liebevoll, sachlich und gelassen erteilt wird. Der feinfühlige Tadel unter vier Augen vermeidet die Bloßstellung des Getadelten und gibt ihm Gelegenheit, seinen Fehler nach und nach zu korrigieren. So wird übler Nachrede jeglicher Boden entzogen.
III. Um den Balken im eigenen Auge zu wissen erleichtert Kritik dort, wo sie zur Pflicht wird. Doch in diesem Wissen gerät sie nicht verletzend. Sie geschieht in Achtung vor der Würde des Menschen und seinen Absichten, die wir ja immer nur lückenhaft kennen können.
Ein redlicher Mensch urteilt nicht über Dinge, um deren Zusammenhänge er nicht weiß. Wer ein Urteil aufgrund eines bloßen Eindrucks fällt und weitergibt, begibt sich leichtfertig in die Gefahr übler Nachrede oder Verleumdung. Viel weniger darf man bloßen Gerüchten vertrauen, die dem Ansehen eines Menschen oder einer Institution schaden.
Und Kritik an der Kirche? In einem Text des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es über die Laien, sie hätten »die Möglichkeit, bisweilen auch die Pflicht (...), ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären« und zwar »entsprechend dem Wissen, der Zuständigkeit und hervorragenden Stellung, die sie einnehmen«10. Sie sind also »berechtigt und manchmal sogar verpflichtet, sich zu all jenen Fragen, zu denen die kirchliche Autorität nicht definitiv Stellung genommen hat, ihre eigene Meinung zu bilden und diese auszudrücken (...). Dieses Recht hat seine tiefere Begründung letztlich in der Tatsache, daß Meinungsbildung und Meinungsäußerung ein Naturrecht darstellen.«11
Die Ausübung dieses Rechts setzt die Läuterung der Absicht im Gebet voraus. Betend lernt man, die Kirche trotz der Armseligkeit ihrer Glieder aufrichtig zu lieben. Man begreift, »daß die Kirche nicht die unsere ist, sondern die Seine. Folglich können sich die >Reformen<, die >Erneuerungen< - so nötig sie auch sind - nicht in unserem eifrigen Bemühen um neue, verfeinerte Strukturen erschöpfen. Alles, was bei einer solchen Mühe herauskommen kann, ist eine Kirche >von uns<, nach unserem Maß, die zwar interessant sein kann, aber deshalb nicht schon von sich aus die wahre Kirche ist, jene, die den Glauben trägt und uns das Leben im Sakrament gibt. (...) Wahre >Reform< ist dort, wo wir uns bemühen, das Unsere soweit wie möglich verschwinden zu lassen, damit das Seine, das Christus Gehörende besser sichtbar wird. Da in der Kirche unvermeidlich immer wieder sehr viel Unsriges entsteht, folgen daraus für jede Generation große Aufgaben wahrer Reform. Wegweiser müssen dabei die Heiligen sein, die die Kirche reformierten, nicht indem sie Pläne für neue Strukturen erarbeiteten, sondern indem sie sich selbst reformierten. Was die Kirche braucht, um in jedem Zeitalter auf die Bedürfnisse des Menschen zu antworten, ist Heiligkeit und nicht Management.«12
Im Glauben sieht man Christus auch dort am Werk, wo menschliche Unzulänglichkeit sein Bild verdunkelt. In Liebe sieht man die Fehler der anderen nie ohne ihre Tugenden und Qualitäten; in Demut vergißt man nie die eigene Begrenztheit. So gelangen wir zur Reue. Und wir danken Gott für die Menschen, die uns mit ihrer Kritik weiterbringen.
1 1 Kor 9,24. - 2 Lk 6,39-42. - 3 Joh 9,41. - 4 R. Cantalamessa, Das Leben in Christus, Graz 1990, S.233. - 5 ebd., S.231-232. - 6 Theresia von Avila, Leben, 13,10. - 7 P. Berglar, Petrus - Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.44. - 8 vgl. Mt 22,39. - 9 vgl. Mt 18,15. - 10 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 37. - 11 A. Portillo, Gläubige und Laien in der Kirche, Paderborn 1972, S.115. - 12 J. Ratzinger, Zur Lage des Glaubens, München 1985, S.53-54.