Francisco F. Carvajal's Webseite


Samstag, den 4. Februar 2012 


Meditationen für jeden Tag
Drucken - Massenmesswerte

JAHRESKREIS
5. SONNTAG (LESEJAHR B)

35

Die Frohe Botschaft verkünden

Ein Tag im Leben des Herrn.

Die Kirche setzt das Werk der Evangelisierung fort.

Persönliches Zeugnis in der Gesellschaft.

 

I. Jesus ging zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas1. Wir stehen am Anfang seines öffentlichen Lebens. »Es war wohl ein einfaches Haus, wie sie jetzt noch stehen in den biblischen Orten, ohne Stockwerk, mit einem einzigen Raum zu ebener Erde. Gleich von der Türe des Hauses tritt man auch schon in diesen Wohnraum.«2 Wollte Simon dein Meister eine Ruhepause gönnen? Dann war es nicht der beste Augenblick, denn die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Hatte Simon Jesus ins Haus gebeten, damit er die Kranke heile? Wie dem auch sei, Jesus heilt sie ganz schlicht: er faßte sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr. Der Evangelist beeilt sich hinzuzufügen: und sie sorgte für sie. Es wurde doch noch etwas aus dem Vorhaben des Simon.

Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele. »Der Sabbat war nun vorüber. Mit Sonnenuntergang rechneten die Juden bereits den folgenden Tag. Deshalb konnte man jetzt die Kranken tragen, was ja den strenggläubigen Juden am Sabbat verboten war. (...) Daher wird mit Bedacht voraus der Sonnenuntergang erwähnt. Nun aber bringen sie alle. Die beiden Wunder hatten sich herumgesprochen. Jetzt wird die ganze Stadt lebendig.«3 Der zusammenhängende Text seit der Ankunft in Kafarnaum zeigt uns einen Tag im Leben des Herrn. Am frühen Morgen hatte er in der Synagoge das Wort Gottes vorgelesen und gedeutet - mit Vollmacht eine ganz neue Lehre4 verkündet -, dann hatte er einen Beses= 3 Der zusammenhängende Text seit der Ankunft in Kafarnaum zeigt uns einen Tag im Leben des Herrn. Am frühen Morgen hatte er in der Synagoge das Wort Gottes vorgelesen und gedeutet - mit Vollmacht eine ganz neue Lehre4 verkündet -, dann hatte er einen Besesenen geheilt, dann kam der Besuch im Hause des Simon. Und jetzt die Kranken.

Was dann folgt, stellt uns immer wieder vor ein großes Geheimnis: In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten. Gewiß, Menschen beten. Aber hier betet der menschgewordene Sohn Gottes: »Der Sohn Gottes, der Sohn der Jungfrau geworden ist, hat in seinem menschlichen Herzen beten gelernt. Er lernt es von seiner Mutter, die alle großen Dinge des Allmächtigen im Gedächtnis bewahrt und in ihrem Herzen bedenkt. Jesus erlernt das Gebet mit jenen Worten und Formen, mit denen sein Volk in der Synagoge von Nazaret und im Tempel betet. Sein Gebet entspringt aber einer verborgenen Quelle; er läßt dies im Alter von zwölf Jahren erahnen: >Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?< (Lk 2,49). Hier beginnt sich das Neue des Betens in der Fülle der Zeit zu offenbaren. Das kindliche Gebet, das der Vater von seinen Kindern erwartete, wird endlich vom einzigen Sohn in seiner Menschennatur mit den Menschen und für sie gelebt.«5

Wie mag Jesus gebetet haben? Wie hat er sich in jenen Stunden in aller Frühe, als es noch dunkel war, mit dem Vater unterhalten? »Da er in seiner Menschwerdung die Menschennatur annimmt, trägt er die Menschen auch in seinem Gebet und bringt sie dem Vater dar, indem er sich selbst darbringt. Er, das Wort, das >Fleisch angenommen hat<, nimmt in seinem menschlichen Beten an all dem teil, was seine >Brüder< (Hebr 2,12) erleben; er fühlt ihre Schwächen mit, um sie davon zu befreien«6, heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche.

Ein Jünger bat einmal den Herrn, als er das Gebet beendet hatte: Herr, lehre uns beten!7 »Wünscht der Jünger Christi nicht in erster Linie deshalb zu beten, weil er seinen Meister beten sieht?.«8

 

II. Alle suchen dich. Er antwortete: Laßt uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.9 Die Frohe Botschaft in die benachbarten Dörfer tragen. Warum nicht in die Metropolen der damaligen Welt? Wir kennen die Antwort: Jesus stiftet die Kirche und überträgt ihr seine Sendung. Er rechnet mit den Menschen durch die Jahrhunderte bis ans Ende der Zeiten: Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern (...) und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.10

Mit Pfingsten beginnt die weltweite Evangelisierung. Petrus spricht zum Volk.11 »Die erste >päpstliche Ansprache< der Kirchengeschichte, gehalten >urbi et orbi<, nämlich in der heiligen Stadt Jerusalem und vor der Menschheit, die in dem zuhörenden Nationen- und Rassengemisch des damals bekannten Erdkreises vertreten war, hatte gewaltigen Erfolg. (...) Er, der von Christus bestellte Fischer ist es, der den ersten großen Fischzug in der Kirchengeschichte tut, der das erste randvoll gefüllte Netz einholt: 3000 Menschen lassen sich auf sein Wort hin an diesem ersten Pfingsten taufen.«12

Was damals mit Petrus und den anderen Aposteln begann, war nicht mehr aufzuhalten. Dennoch wissen wir so gut wie nichts über die apostolischen Streifzüge der einzelnen Apostel, Petrus, Paulus und Johannes ausgenommen. Geschichtsbewußt, wie wir sind, wüßten wir gerne Einzelheiten über das Wirken der anderen Apostel. Ihnen allen gemeinsam ist indes die Antriebskraft, die sie hinausziehen läßt. Die Worte des Paulus in der zweiten Lesung treffen für jeden Gesandten Jesu zu: Wenn ich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!13 Das Zeugnis Jesu - dazu bin ich gekommen - klingt in diesen Worten nach. »Die Verkündigung erlaubt weder Gleichgültigkeit noch Vermischungen mit anderen Lehren oder falsche Anpassungen. Es geht hierbei nämlich um das Heil des Menschen. Sie stellt die Schönheit der Offenbarung dar. Sie bietet eine Weisheit, die nicht von dieser Welt ist. Sie ist imstande, durch sich selbst den Glauben zu wecken, einen Glauben, der auf der Macht Gottes gründet.«14

Jemanden für den Glauben gewinnen wollen entsteht aus der Überzeugung, daß man an einer Wahrheit, einer Liebe und einem Leben teilhat, die allein alle Sehnsüchte des menschlichen Herzens zu stillen vermögen - auf Erden als Anfang, der seine Erfüllung in der Vollendung bei Gott erfährt. Vale la pena, »es lohnt sich« war ein immer wiederkehrendes Wort des seligen Josemaría Escrivá - manchmal als Ermunterung, eine innere Krise durchzustehen, manchmal als Aufforderung, eine schwierige Aufgabe anzupacken, und nicht selten einfach als Seufzer voller Hoffnung.

»Man hat gesagt, die Weitergabe des Glaubens zur Zeit der Urchristen lasse »eher lebendiges als taktisches Vorgehen erkennen.«15 Fehlen diese Lebendigkeit und dieses Bewußtsein, daß es sich lohnt, nicht vielen Christen heute? Darm schwindet bald das Interesse für die Wahrheit: »In den freien und offenen Gesellschaften wächst die Tendenz zur Uniformität der artikulierten Meinungen; möge jeder >glauben<, was er will - sagen soll er, was gefällt. Die Zwänge, welche die Konformität der Äußerungen und der sichtbaren Verhaltensweisen ohne Rücksicht auf innere Überzeugungen und persönliche Wahrhaftigkeit herbeiführen sollen, nehmen ohne Zweifel weltweit zu und sie sind keineswegs nur physisch-machtmäßiger Art.«16 Und mit der Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit schwind(-t mich das apostolischc Engagement.

 

III. Wenn eine Gesellschaft beginnt, über Werte zu diskutieren, scheint es um die Werte nicht sonderlich gut bestellt zu sein. So können wir heute statt einer Erneuerung des Wertebewußtseins eine zunehmende Beliebigkeit beobachten, verbunden mit einer wachsenden Aggressivität gegenüber dem klassischen abendländischen Werte-Kodex. Das gilt auch für den christlichen Glauben. Ein konsequentes apostolisches Engagement wird heute nicht selten als Fanatismus oder Fundamentalismus abgekanzelt. Gewiß können Fanatiker den Glauben - wie alles Große - mißbrauchen und dabei die menschliche Freiheit und Würde verletzen. Wer aber mit Christus im Gebet und im sakramentalen Leben Umgang pflegt, hat das Ganze seiner Botschaft im Blick: nicht nur das Fordernde der Wahrheit, sondern auch die Milde, die Güte und das Erbarmen. Der Apostel Paulus liefert uns heute in der zweiten Lesung sozusagen den Schlüssel für ein Verhalten, das sowohl dem Anspruch der Wahrheit wie der Wertschätzung des einzelnen gerecht wird. Er schreibt an die Korinther: Ich habe mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen. Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden. Wenn der Eifer für den Glauben in Christus verankert ist, schließt er immer - neben der Liebe zur Klarheit - den Respekt vor der Freiheit des Menschen ein.

Themen wie soziales Gewissen, Sexualität, Ehe und Familie, Ganzhingabe in der Nachfolge Christi sind nicht mehr leicht zu vermitteln. Doch allen Einschüchterungsversuchen zum Trotz mahnt der Apostel: wir predigen, nicht um den Menschen, sondern um Gott zu gefallen, der unsere Herzen prüft17. Und er wird noch deutlicher: Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.18

Das Evangelium unverfälscht dort weitergeben, wo Gott uns hingestellt hat, ist die uralte und stets neue Aufgabe gläubiger Christen; denn »alle Gläubigen, vom Papst bis zum jüngsten Täufling, haben Anteil an derselben Berufung, am selben Glauben, am selben Geist, an derselben Gnade (...). Alle haben aktiven und verantwortlichen Anteil an der einen Sendung Christi und der Kirche.«19 Freilich muß diese Verkündigung bei uns selbst beginnen, im Bemühen um die persönliche Heiligkeit: »Es werden Herolde des Evangeliums gebraucht, die Experten im Umgang mit den Menschen sind, die das Herz des heutigen Menschen gründlich kennen, seine Freuden und Hoffnungen, Ängste und Sorgen teilen und zugleich beschauliche Freunde Gottes sein wollen. Dazu bedarf es neuer Heiliger. Die großen Evangelisatoren Europas waren die Heiligen.«20

Ein anderes Schlüsselwort des Apostels Paulus lautet: die Liebe Christi drängt uns21. Wir können uns also nicht mit einem gelegentlichen Zeugnis zufrieden geben, sondern müssen die Gelegenheiten aufspüren und wahrnehmen: »Wir müßten eigentlich wie ein Wünschelrutengänger in der zweiten Evangelisation in jedem Menschen die Stelle zu entdecken versuchen, an der seine menschliche Natur grundsätzlich in Jesus Christus von der göttlichen Natur berührt ist. Das ist die Stelle im Menschen, die nur mit Gott auszufüllen ist und die sich nach außen hin in den sogenannten Ursehnsüchten des Menschen zeigt. Diese verborgenen Stellen im Menschen gilt es zu entdecken.«22

 

1 Mk 1,29-39. - 2 J. Dillersberger, Markus, Bd.I, Salzburg 1937, S.98. - 3 ebd. - 4 Mk 1,27. - 5 Katechismus der Katholischen Kirche, 2599. - 6 ebd., 2602. - 7 Lk 11,1. - 8 Katechismus der Katholischen Kirche, 2601. - 9 Mk 1,37-38. - 10 Mt 28,19-20. - 11 vgl. Apg 2,14-36. - 12 P. Berglar, Petrus - Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.188. - 13 1 Kor 9,16. - 14 Paul VI., Apost. Schreiben Evangelii nuntiandi, 8.12.1975, 5. - 15 A. Hamman, Die ersten Christen, Stuttgart 1985, S.82. - 16 P. Berglar, Die Stunde des Thomas Morus, Frankfurt 1987, S.8.. - 17 1 Thess 2,3-4. - 18 1 Kor 1,23-24. - 19 A. del Portillo, Gläubige und Laien in der Kirche, Paderborn 1971, S.23. - 20 Johannes Paul II., Ansprache, 11.10.1985. - 21 2 Kor 5,14. - 22 J. Kard. Meisner, Wider die Entsinnlichung des Glaubens, Graz 1991, S.27.



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