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JAHRESKREIS
5. SONNTAG (LESEJAHR B)
35
Die
Frohe Botschaft verkünden
Ein Tag im Leben des Herrn.
Die Kirche setzt das Werk
der Evangelisierung fort.
Persönliches Zeugnis in der
Gesellschaft.
I. Jesus ging
zusammen mit Jakobus und Johannes in
das Haus des Simon und Andreas1.
Wir stehen am Anfang seines öffentlichen Lebens. »Es war wohl ein einfaches
Haus, wie sie jetzt noch stehen in den biblischen Orten, ohne Stockwerk, mit
einem einzigen Raum zu ebener Erde. Gleich von der Türe des Hauses tritt man
auch schon in diesen Wohnraum.«2 Wollte Simon dein Meister eine
Ruhepause gönnen? Dann war es nicht der beste Augenblick, denn die
Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Hatte Simon Jesus ins Haus
gebeten, damit er die Kranke heile? Wie dem auch sei, Jesus heilt sie ganz
schlicht: er
faßte sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr.
Der Evangelist beeilt sich hinzuzufügen:
und sie sorgte für sie.
Es wurde doch noch etwas aus dem Vorhaben des Simon.
Am
Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen
zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele.
»Der Sabbat war nun vorüber. Mit Sonnenuntergang rechneten die Juden bereits den
folgenden Tag. Deshalb konnte man jetzt die Kranken tragen, was ja den
strenggläubigen Juden am Sabbat verboten war. (...) Daher wird mit Bedacht
voraus der Sonnenuntergang erwähnt. Nun aber bringen sie alle. Die beiden Wunder
hatten sich herumgesprochen. Jetzt wird die ganze Stadt lebendig.«3
Der zusammenhängende Text seit der Ankunft in Kafarnaum zeigt uns einen Tag im
Leben des Herrn. Am frühen Morgen hatte er in der Synagoge das Wort Gottes
vorgelesen und gedeutet - mit Vollmacht eine ganz neue Lehre4
verkündet -, dann hatte er einen Beses= 3 Der zusammenhängende Text seit der
Ankunft in Kafarnaum zeigt uns einen Tag im Leben des Herrn. Am frühen Morgen
hatte er in der Synagoge das Wort Gottes vorgelesen und gedeutet - mit Vollmacht
eine ganz neue Lehre4 verkündet -, dann hatte er einen Besesenen geheilt, dann
kam der Besuch im Hause des Simon. Und jetzt die Kranken.
Was dann folgt, stellt uns immer
wieder vor ein großes Geheimnis:
In aller Frühe, als es noch dunkel
war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.
Gewiß, Menschen beten. Aber hier betet der menschgewordene Sohn Gottes: »Der
Sohn Gottes, der Sohn der Jungfrau geworden ist, hat in seinem menschlichen
Herzen beten gelernt. Er lernt es von seiner Mutter, die alle großen Dinge des
Allmächtigen im Gedächtnis bewahrt und in ihrem Herzen bedenkt. Jesus erlernt
das Gebet mit jenen Worten und Formen, mit denen sein Volk in der Synagoge von
Nazaret und im Tempel betet. Sein Gebet entspringt aber einer verborgenen
Quelle; er läßt dies im Alter von zwölf Jahren erahnen: >Wußtet ihr nicht, daß
ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?< (Lk
2,49). Hier beginnt sich das Neue des Betens in der Fülle der Zeit zu
offenbaren. Das
kindliche Gebet, das der Vater von seinen Kindern erwartete, wird
endlich vom einzigen Sohn in seiner Menschennatur mit den Menschen und für sie
gelebt.«5
Wie mag Jesus gebetet haben? Wie hat
er sich in jenen Stunden
in aller Frühe, als es noch dunkel
war, mit dem Vater unterhalten? »Da er in seiner Menschwerdung die
Menschennatur annimmt, trägt er
die Menschen auch in seinem Gebet
und bringt sie dem Vater dar, indem er sich selbst darbringt. Er, das Wort, das
>Fleisch angenommen hat<, nimmt in seinem menschlichen Beten an all dem teil,
was seine >Brüder< (Hebr
2,12) erleben; er fühlt ihre Schwächen mit, um sie davon zu befreien«6,
heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche.
Ein Jünger bat einmal den Herrn, als
er das Gebet beendet hatte:
Herr, lehre uns beten!7
»Wünscht der Jünger Christi nicht in erster Linie deshalb zu beten, weil er
seinen Meister beten sieht?.«8
II.
Alle suchen dich. Er antwortete: Laßt
uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige;
denn dazu bin ich gekommen.9
Die Frohe Botschaft
in die benachbarten Dörfer
tragen. Warum nicht in die Metropolen der damaligen Welt? Wir kennen die
Antwort: Jesus stiftet die Kirche und überträgt
ihr seine Sendung. Er
rechnet mit den Menschen durch die Jahrhunderte bis ans Ende der Zeiten:
Geht zu allen
Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern (...) und lehrt sie, alles zu
befolgen, was ich euch geboten habe.10
Mit Pfingsten beginnt die weltweite
Evangelisierung. Petrus spricht zum Volk.11
»Die erste >päpstliche Ansprache< der Kirchengeschichte, gehalten >urbi et
orbi<, nämlich in der heiligen Stadt Jerusalem und vor der Menschheit, die in
dem zuhörenden Nationen- und Rassengemisch des damals bekannten Erdkreises
vertreten war, hatte gewaltigen Erfolg. (...) Er, der von Christus bestellte
Fischer ist es, der den ersten großen Fischzug in der Kirchengeschichte tut, der
das erste randvoll gefüllte Netz einholt: 3000 Menschen lassen sich auf sein
Wort hin an diesem ersten Pfingsten taufen.«12
Was damals mit Petrus und den anderen
Aposteln begann, war nicht mehr aufzuhalten. Dennoch wissen wir so gut wie
nichts über die apostolischen Streifzüge der einzelnen Apostel, Petrus, Paulus
und Johannes ausgenommen. Geschichtsbewußt, wie wir sind, wüßten wir gerne
Einzelheiten über das Wirken der anderen Apostel. Ihnen allen gemeinsam ist
indes die Antriebskraft, die sie hinausziehen läßt. Die Worte des Paulus in der
zweiten Lesung treffen für jeden Gesandten Jesu zu:
Wenn ich das Evangelium verkünde,
kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Wehe mir,
wenn ich das Evangelium nicht verkünde!13
Das Zeugnis Jesu -
dazu bin ich gekommen -
klingt in diesen Worten nach. »Die Verkündigung erlaubt weder Gleichgültigkeit
noch Vermischungen mit anderen Lehren oder falsche Anpassungen. Es geht hierbei
nämlich um das Heil des Menschen. Sie stellt die Schönheit der Offenbarung dar.
Sie bietet eine Weisheit, die nicht von dieser Welt ist. Sie ist imstande, durch
sich selbst den Glauben zu wecken, einen Glauben, der auf der Macht Gottes
gründet.«14
Jemanden für den Glauben gewinnen
wollen entsteht aus der Überzeugung, daß man an einer Wahrheit, einer Liebe und
einem Leben teilhat, die allein alle Sehnsüchte des menschlichen Herzens zu
stillen vermögen - auf Erden als Anfang, der seine Erfüllung in der Vollendung
bei Gott erfährt.
Vale la pena, »es lohnt
sich« war ein immer wiederkehrendes Wort des seligen Josemaría Escrivá -
manchmal als Ermunterung, eine innere Krise durchzustehen, manchmal als
Aufforderung, eine schwierige Aufgabe anzupacken, und nicht selten einfach als
Seufzer voller Hoffnung.
»Man hat gesagt, die Weitergabe des
Glaubens zur Zeit der Urchristen lasse »eher lebendiges als taktisches Vorgehen
erkennen.«15 Fehlen diese Lebendigkeit und dieses Bewußtsein, daß es
sich lohnt, nicht vielen Christen heute? Darm schwindet bald das Interesse für
die Wahrheit: »In den freien und offenen Gesellschaften wächst die Tendenz zur
Uniformität der artikulierten Meinungen; möge jeder >glauben<, was er will -
sagen soll er, was gefällt. Die Zwänge, welche die Konformität der Äußerungen
und der sichtbaren Verhaltensweisen ohne Rücksicht auf innere Überzeugungen und
persönliche Wahrhaftigkeit herbeiführen sollen, nehmen ohne Zweifel weltweit zu
und sie sind keineswegs nur physisch-machtmäßiger Art.«16 Und mit der
Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit schwind(-t mich das apostolischc
Engagement.
III. Wenn eine Gesellschaft beginnt,
über Werte zu diskutieren, scheint es um die Werte nicht sonderlich gut bestellt
zu sein. So können wir heute statt einer Erneuerung des Wertebewußtseins eine
zunehmende Beliebigkeit beobachten, verbunden mit einer wachsenden Aggressivität
gegenüber dem klassischen abendländischen Werte-Kodex. Das gilt auch für den
christlichen Glauben. Ein konsequentes apostolisches Engagement wird heute nicht
selten als Fanatismus oder Fundamentalismus abgekanzelt. Gewiß können Fanatiker
den Glauben - wie alles Große - mißbrauchen und dabei die menschliche Freiheit
und Würde verletzen. Wer aber mit Christus im Gebet und im sakramentalen Leben
Umgang pflegt, hat das Ganze seiner Botschaft im Blick: nicht nur das Fordernde
der Wahrheit, sondern auch die Milde, die Güte und das Erbarmen. Der Apostel
Paulus liefert uns heute in der zweiten Lesung sozusagen den Schlüssel für ein
Verhalten, das sowohl dem Anspruch der Wahrheit wie der Wertschätzung des
einzelnen gerecht wird. Er schreibt an die Korinther:
Ich habe mich für alle zum Sklaven
gemacht, um möglichst viele zu gewinnen. Den Schwachen wurde ich ein Schwacher,
um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden. Wenn
der Eifer für den Glauben in Christus verankert ist, schließt er immer - neben
der Liebe zur Klarheit - den Respekt vor der Freiheit des Menschen ein.
Themen wie soziales Gewissen,
Sexualität, Ehe und Familie, Ganzhingabe in der Nachfolge Christi sind nicht
mehr leicht zu vermitteln. Doch allen Einschüchterungsversuchen zum Trotz mahnt
der Apostel: wir
predigen, nicht um den Menschen, sondern um Gott zu gefallen, der unsere Herzen
prüft17.
Und er wird noch deutlicher:
Wir dagegen verkündigen Christus als
den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit,
für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes
Weisheit.18
Das Evangelium unverfälscht dort
weitergeben, wo Gott uns hingestellt hat, ist die uralte und stets neue Aufgabe
gläubiger Christen; denn »alle Gläubigen, vom Papst bis zum jüngsten Täufling,
haben Anteil an derselben Berufung, am selben Glauben, am selben Geist, an
derselben Gnade (...). Alle haben aktiven und verantwortlichen Anteil an der
einen Sendung Christi und der Kirche.«19 Freilich muß diese
Verkündigung bei uns selbst beginnen, im Bemühen um die persönliche Heiligkeit:
»Es werden Herolde des Evangeliums gebraucht, die Experten im Umgang mit den
Menschen sind, die das Herz des heutigen Menschen gründlich kennen, seine
Freuden und Hoffnungen, Ängste und Sorgen teilen und zugleich beschauliche
Freunde Gottes sein wollen. Dazu bedarf es neuer Heiliger. Die großen
Evangelisatoren Europas waren die Heiligen.«20
Ein anderes Schlüsselwort des Apostels
Paulus lautet:
die Liebe Christi drängt uns21.
Wir können uns also nicht mit einem gelegentlichen Zeugnis zufrieden geben,
sondern müssen die Gelegenheiten aufspüren und wahrnehmen: »Wir müßten
eigentlich wie ein Wünschelrutengänger in der zweiten Evangelisation in jedem
Menschen die Stelle zu entdecken versuchen, an der seine menschliche Natur
grundsätzlich in Jesus Christus von der göttlichen Natur berührt ist. Das ist
die Stelle im Menschen, die nur mit Gott auszufüllen ist und die sich nach außen
hin in den sogenannten Ursehnsüchten des Menschen zeigt. Diese verborgenen
Stellen im Menschen gilt es zu entdecken.«22
1
Mk
1,29-39. -
2 J. Dillersberger,
Markus,
Bd.I, Salzburg 1937, S.98. -
3 ebd. -
4
Mk
1,27. -
5
Katechismus der Katholischen Kirche, 2599. -
6
ebd., 2602. -
7
Lk
11,1. -
8
Katechismus der Katholischen Kirche, 2601. -
9
Mk
1,37-38. -
10
Mt
28,19-20. -
11 vgl.
Apg
2,14-36. -
12 P. Berglar,
Petrus
- Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.188. -
13
1 Kor
9,16. -
14 Paul VI., Apost.
Schreiben
Evangelii nuntiandi,
8.12.1975, 5. -
15 A. Hamman,
Die
ersten Christen, Stuttgart 1985, S.82. -
16
P. Berglar,
Die Stunde des Thomas Morus,
Frankfurt 1987, S.8.. -
17
1
Thess 2,3-4. -
18
1 Kor
1,23-24. -
19 A. del Portillo,
Gläubige und Laien in der Kirche, Paderborn 1971, S.23. -
20
Johannes Paul II.,
Ansprache, 11.10.1985.
- 21
2 Kor
5,14. -
22 J. Kard. Meisner,
Wider
die Entsinnlichung des Glaubens, Graz 1991, S.27.
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