Francisco F. Carvajal's Webseite


Samstag, den 4. Februar 2012 


Meditationen für jeden Tag
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JAHRESKREIS
4. WOCHE - SAMSTAG

33

zeit für musse

Bei Jesus Kräfte sammeln.

Jesus, müde im Boot.

Nicht Arbeitspause, sondern Muße.

 

I. Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Hinter ihnen liegt eine aufregende Zeit, reich an Überraschungen und an neuen Erfahrungen. Der Herr hatte sie ausgesandt - zum erstenmal und jeweils zwei zusammen1. Es mag sein, daß Jesus damit dem Gesetz genügen wollte, wonach zur Beglaubigung eines Zeugnisses - und sie waren ja seine Zeugen - die Aussage von zwei oder drei Zeugen2 erforderlich ist. Aber wußte er nicht auch um die Verlegenheit von Männern, die sich im Fischfang gut auskannten, aber keine Redner, keine Gelehrten waren? Sie konnten also im Gespräch miteinander die anfängliche Unsicherheit überwinden.

Das heutige Evangelium3 schildert ihre Rückkehr. Es drängt sie, dem Herrn alles zu berichten, was sie getan und gelehrt hatten. Und der Herr versteht jetzt ihre Redseligkeit genauso gut, wie er vorher ihre Gehemmtheit verstanden hatte. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend.

Der heilige Josefmaria Escrivá riet, das Evangelium nicht nur zu lesen, sondern es zu erleben: „Das ist ein großer Unterschied. Bloß lesen heißt sich Vergangenes in Erinnerung rufen; miterleben aber bedeutet dabeisein, unmittelbar am Geschehen, das sich hier und jetzt vollzieht, teilnehmen als einer unter den Anwesenden.«4 Dies ist ein bewährter Rat zur Nachfolge Christi: »Darin besteht das Geheimnis. Ihn so sehr aus der Nähe begleiten, daß wir mit ihm zusammen leben wie die ersten Zwölf; so nahe, daß wir mit ihm einswerden.«5

Die Apostel haben die Ungewißheit des Anfangs, die Aufregung der ersten Gespräche, die Überraschung des Gelingens, hier und da sicherlich auch ein Scheitern erlebt. Vieles in wenigen Tagen. Jetzt suchen sie zur Entspannung die Aussprache mit Jesus.

Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Der Evangelist erläutert: Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Jesus weiß, daß jetzt die Sorge um die Seinen wichtiger ist als die Belehrung der Menge. Also zieht er sich mit ihnen zurück.

Jetzt sind wir gleichsam die Jünger des Herrn, die sich bei ihm ausruhen wollen, vielbeschäftigt und gestreßt, so daß manches bei uns aus den Fugen zu geraten droht: Gebet, Familienleben, Gesundheit...

Rhetorisch meisterhaft, nennt uns Augustinus den Grund: Difficile est in turba videre Christus - schwierig ist es, im Menschengewühl Christus zu sehen. Solitudo quaedam necessaria est menti nostrae - unser Herz braucht eine gewisse Einsamkeit. Quadam solitudine intentionis videtur Deus - in dieser Einsamkeit des Blickes zeigt sich Gott. Und dann der wuchtige Schlußsatz: Turba strepitum habet - das Menschengewühl bringt viel Lärm mit sich. Visio ista secretum desiderat - sinngemäß übersetzt: Wenn wir sehen wollen, brauchen wir die Stille.6

 

II. „Das ganze Leben Jesu - seine Worte und Taten, sein Schweigen und seine Leiden, seine Art, zu sein und zu sprechen - ist Offenbarung des Vaters. (...) Das ganze Leben Christi ist Erlösungsgeheimnis. Die Erlösung wird uns vor allem durch das am Kreuz vergossene Blut zuteil, aber dieses Mysterium ist im ganzen Leben Jesu am Werk.«7 Beim aufmerksamen Lesen des Evangeliums stoßen wir auf Einzelheiten, die das Menschsein unseres Herrn anrührend manifestieren. Jesus hat Erschöpfung und Müdigkeit am eigenen Leib erfahren. Johannes erlebt ihn am Jakobsbrunnen bei Sychar um die Mittagsstunde: Er war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen8. Auch während des Sturms auf dem See sehen wir einen ganz und gar menschlichen Jesus: er lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief9. Der Herr hatte den ganzen Tag gepredigt, jetzt ist er einfach erschöpft.

Wahrscheinlich fällt es uns nicht schwer, bei einer ernsten Krankheit an das Leiden Christi zu denken und an sein Wort: Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.10 Aber warum nicht auch, wenn wir nur müde und abgespannt sind von den Mühen des Tages? Jesus hat diese Zeiten elementarer menschlicher Bedürftigkeit am eigenen Leib erfahren - sie waren ganz natürlich, und doch zugleich übernatürlich: Erlösungsgeheimnis. Welcher Trost, den erschöpften Herrn zu betrachten! Wie nah kann er uns in solchen Augenblicken sein!

Die physische Ermattung kann sich negativ auswirken, wenn man einfach keine Lust mehr hat und jede weitere Anstrengung scheut. Aber erwartet Gott nicht Haltung und Disziplin? „Der Mensch soll sich nie und in keiner Weise als fern von Gott ansehen, weder wegen eines Mangels noch wegen einer Krankheit, noch wegen etwas anderem.«11, schreibt Meister Eckhardt. Es ließe sich hinzufügen: auch dann nicht, wenn die Müdigkeit uns den Mut nimmt. »Wenn deine großen Mängel dich so weit von ihm abtreiben wollen, daß du dich nicht Gott zu nähern vermagst, so sollst du dennoch Gott als den Nahen erkennen. Denn es liegt ein großer Schaden vor, daß der Mensch seinen Gott in die Ferne versetzt. Ob nun der Weg des Menschen zu ihm hin oder von ihm weg verläuft, Gott geht niemals in die Ferne; er bleibt beständig nah. Und kann er nicht drinnen bleiben, so entfernt er sich doch nicht weiter als bis vor die Tür.«12 Selbst wenn wir es einmal sattsam leid sind und das geistliche Leben vernachlässigen, verläßt uns der Herr nicht. »Er entfernt sich doch nicht weiter als bis vor die Tür..«

Also gilt es zu lernen, daß auch unsere Ermüdungen ein Weg sein können, uns Gott nahe zu fühlen. Die Last wird leichter, wenn man sie mit der Müdigkeit Christi zu verbinden versteht. Und vielleicht geht uns dann auch auf, daß da jemand in unserer Nähe ist, der noch mehr Grund hat als wir, müde zu sein. Wie der heilige Paulus schreibt: Einer trage des anderen Last.13 Johannes Paul II. kommentierte einmal diese Situation: „Ein gutes Wort ist leicht gesagt; doch bisweilen fällt es uns schwer, es auszusprechen. Die Müdigkeit hindert uns, die Sorgen bringen uns davon ab, ein Gefühl der Kälte und egoistischer Gleichgültigkeit hemmt uns.«14 Und er fährt fort: »Ein Zeichen der Aufmerksamkeit und Freundlichkeit kann wie ein frischer Wind wirken in der Abgeschlossenheit eines von Trauer und Niedergeschlagenheit heimgesuchten Daseins.«15 Das Tragen der Ermüdung um Christi willen ist eine Schule der Demut, der Nächstenliebe und der Tapferkeit. Denn ein Teil der Tapferkeit besteht darin, trotz Müdigkeit weiter zu tun, was getan werden muß.

 

III. Gott ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.15 Von daher „erhält das Leben des Menschen durch die Arbeit und die Ruhe seinen Rhythmus.«16

Nach der Heiligen Schrift ist die Ruhe sozusagen Ausgangs- und Zielpunkt von Gottes Arbeit. Darin liegt eine neue Sicht, die die Muße begründet. Sie „ist mit den äußeren Fakten von Arbeitspause, Freizeit, Wochenende, Urlaub nicht schon gegeben. Muße ist ein Zustand der Seele!«17 Sie »besagt den Bereich alles dessen, was, ohne bloß nutzend zu sein, dennoch zu einem ungeschmälert menschlichen Dasein gehört.«18 Für Arbeitsfanatiker »etwas Ungehöriges, wie ein anderes Wort für Müßiggang und Trägheit.«19 Nach der christlichen Tradition ist es genau umgekehrt, gerade die Mußelosigkeit, die Unfähigkeit zur Muße hängt mit der Trägheit zusammen; die Rastlosigkeit des Arbeitens um der Arbeit willen entspringt gerade aus der Trägheit. »Deshalb deutet der heilige Thomas die acedia - die Trägheit des Geistes - als einen Verstoß gegen >die Ruhe des Geistes in Gott<.«20

Diese Überlegungen können den gestreßten Zeitgenossen sowohl vom Aktivismus als auch vom Müßiggang befreien. Echte Muße befreit uns von der Vorstellung, man befinde sich in einer leeren Zeit: „Erholung heißt nicht etwa Nichtstun: sie ist vielmehr ein Sich-Entspannen bei weniger anstrengenden Tätigkeiten.«21 Die Anspannungen des Arbeitsalltags lösen: das kann durch Sport ebenso geschehen wie auf einem Spaziergang, bei dem sich uns die Schönheit wie die Geheimnisse der Schöpfung nett erschließen, oder endlich das längst fällige Buch zu lesen, auf Wünsche der Kinder oder des Ehepartners einzugehen, den Umgang mit befreundeten Familien zu stärken... und nicht zuletzt nachzudenken: „Die großen, die glücklichen, die niemals erjagbaren Einsichten und Einfälle werden vor allem in der Muße zuteil.«22

All dies soll nicht in der Haltung dessen geschehen, „der eingreift, sondern dessen, der losläßt, der sich losläßt und überlässt.«23 So ist Erholung mehr als Urlaub oder Ferien; sie ist »eine Gestalt jenes Schweigens, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit: nur der Schweigende hört; und wer nicht schweigt, hört nicht. Solches Schweigen ist nicht stumpfe Lautlosigkeit, nicht totes Verstummen; es bedeutet vielmehr, daß der dem Seienden auf Grund ewiger Zuordnung ent->sprechenden< Antwortkraft der Seele nicht ins Wort gefallen werde. Muße ist die Haltung des empfangenden Vernehmens, der anschauenden, kontemplativen Versenkung in das Seiende.«24

Lassen wir von neuem die Worte des heiligen Augustinus auf uns wirken, die wir zu Beginn betrachteten: „Schwierig ist es, im Menschengewühl Christus zu sehen. Unser Herz braucht eine gewisse Einsamkeit. In dieser Einsamkeit des Blickes zeigt sich Gott. Das Menschengewühl bringt viel Lärm mit sich. Wenn wir sehen wollen, brauchen wir die Stille.« Stichen wir die Ruhe, das Atemholen der Seele, bei Jesus, wie damals die Apostel.

 

1 Mk 6,7. - 2 Dtn 19,15. - 3 Mk 6,30-34. - 4 J. Escrivá, Der Kreuzweg, IX,4. - 5 J. Escrivá, Freunde Gottes, 299. - 6 Augustinus, Vorträge über das Johannesevangelium, 17,11. - 7 Katechismus der Katholischen Kirche, 516-517. - 8 Joh 4,6. - 9 Mk 4,38. - 10 Mt 11,28. - 11 Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S.58.. - 12 ebd. - 13 Gal 6,2. - 14 Johannes Paul II., Predigt 11.2.1981. - 15 Gen 2,2-3. - 16 Katechismus der Katholischen Kirche, 2184. - 17 J. Pieper, Muße und Kult, München 1965, S.51. - 18 ebd., S.84. - 19 ebd., S.47. - 20 ebd., S.50. - 21 J. Escrivá, Der Weg, Nr.357. - 22 J. Pieper, a.a.O., S.54. - 23 ebd., S.53. - 24 ebd., S.52.



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