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Jahreskreis
22. Woche - Freitag
35
jesus und
seine freunde
Die
Freunde des Bräutigams.
Jesu Maßstäbe der Freundschaft.
Christus verwandelt alles.
I. Zwei
recht verschiedene Gruppen begegneten sich im Haus des Matthäus: auf der einen
Seite die Freunde des Hausherrn, auf der anderen Seite die Freunde Jesu - die
ersten Apostel. Matthäus, den der Herr kurz vorher berufen hatte, hat sie
zusammengebracht. Auch einige ungebetene Gäste waren dort. Sie wunderten sich,
daß nicht gefastet wurde, und fragten Jesus deshalb:
Die Jünger des Johannes fasten und
beten viel, ebenso die Jünger der Pharisäer; deine Jünger aber essen und
trinken.1
Fasten
ist in unserer Zeit wieder ein Thema. Meistens steht dabei die Zweckmäßigkeit im
Vordergrund: Fasten aus Gesundheit oder aus Eitelkeit oder es ist die radikale
Form des Hungerstreiks, um Forderungen durchzusetzen. Für die frommen Juden war
das Fasten »eine Weise, sich zu demütigen, sich klein zu machen, den göttlichen
Zorn zu besänftigen oder die verhängte Strafe anzunehmen: das Fasten war
wesentlich ein Zeichen der Buße und der Trauer. Das Gesetz verlangte es nur für
einen einzigen Tag, das Versöhnungsfest. An diesem Tage war das Fasten für alle
verpflichtend. Aber man fastete auch im Gedenken an die großen nationalen
Unglückstage (...). Die Pharisäer hatten ohne Zweifel noch andere bestimmte
Fasttage, und außerdem fasteten sie auch sonst zum Zeichen ihrer Frömmigkeit,
und das taten auch die Jünger des Johannes, die hierin dem Beispiel ihres
Meisters, des großen Asketen, folgten. Die breite Masse des Volkes, mit schwerer
Arbeit beschäftigt, konnte eine solche zusätzliche Last nicht tragen, und Jesus
hatte sie auch seinen Jüngern nicht auferlegen wollen.«2 Könnt ihr denn die
Hochzeitsgäste fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? fragt er. Es
ist doch eine freudige Zeit... Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der
Bräutigam genommen sein, injenen Tagen werden siefasten.
Neulich
haben wir beim Betrachten des Gleichnisses von den klugen und den törichten
Jungfrauen über die Hochzeitsbräuche bei den Israeliten gesprochen. Wir haben
den Freundinnen der Braut besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Auch der Bräutigam
hatte ein Ehrengeleit von Freunden. Einer von ihnen war der Chef des Festes.
Johannes der Täufer bezieht sich auf diese ehrenvolle Stellung, wenn er sich mit
dem Freund des
Bräutigams vergleicht,
der dabei steht und ihn hört
und sich über
die Stimme des Bräutigams freut3.
»Nach der Heiligen Schrift galt der Hochzeitsjubel als Ausdruck höchster Freude.
Darum waren auch die Freunde des Bräutigams, die während der ganzen Hochzeit mit
Gesang und Tanz für die Unterhaltung des Brautpaares sorgen mußten, von manchen
religiösen Übungen befreit, z.B. vom Fasten und vom Achtzehngebet.«4
Die
alles
übertreffende Erkenntnis Jesu Christi5
blitzt in jedem Wort des Herrn auf. Heute ist die Anspielung auf die Freude der
Begegnung mit dem
Bräutigam ein solches
Licht. Gehören wir zu den
Freunden des Bräutigams?
Gewiß, durch Glaube und Taufe sind wir es geworden, aber verhalten wir uns auch
als solche?
II. Mit
was für Menschen verkehrt Jesus? Neben gesellschaftlich angesehenen Personen wie
Nikodemus oder Josef von Arimathäa finden wir Leute, die gesellschaftlich wenig
galten oder die man religiös für unzuverlässig hielt, wie Zachäus oder Matthäus.
Mehrfach hören wir den Vorwurf:
Wie kann euer Meister zusammen mit
Zöllnern und Sündern essen? Die Antwort des Herrn auf diesen
Vorwurf macht klar, welche Menschen ihn besonders interessieren:
Nicht die
Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken (...). Ich bin gekommen, um die
Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.6
Nur jene
schließen sich aus der Freundschaft Jesu aus, die meinen, Gerechte zu sein, ihn
nicht zu brauchen. Jesus selbst ist allen zugetan, ihm bedeuten
gesellschaftliche Wertungen und Unterschiede nichts. »Sein Reden und Handeln
kommt anderswoher und richtet sich auf Anderes. Er meint den Menschen und dessen
Verhältnis zu Gott. Nie würde Jesus gesellschaftliche Preisgegebenheit als
solche für etwas Wertvolles, nie Ordnung der menschlichen Dinge als solche für
einen Schaden am Eigentlichen ansehen. Alle Verhältnisse sind Wege zu Gott hin,
aber auch Abwege von ihm fort.«7 Wenn er mit Wohlhabenden verkehrt, dann nicht,
weil sie wohlhabend sind, wenn er sich gesellschaftlich Geächteten zuwendet,
dann nicht, weil sie geächtet sind. Jesus »nimmt nicht Partei für die
Ausgestoßenen wider die Geordneten und Geachteten. Er hält nicht die Sünder als
solche für wertvoller als die Tugendhaften. Das alles wäre Romantik und modernes
Ressentiment. Jesus sucht den Menschen und stellt ihn vor Gott.«8
Sind sie
alle Freunde
Jesu? Die uns unbegreifliche Weite seines Herzens macht ihn zu
einer solchen Liebe fähig, daß man mit Recht sagen kann, jeder, der ihm
ernsthaft und gutwillig begegnet, und sei es nur für Augenblicke, ist schon sein
Freund. So wird es mit dem blinden Bartimäus gewesen sein, über den wir nichts
Weiteres mehr erfahren, oder mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, mit der der
Herr, obwohl müde und erschöpft, ein Gespräch beginnt, oder mit Simon von Zyrene
in der Stunde der großen Not. Die Liebe Jesu schwingt in jeder Begegnung mit.
Seine Zuwendung ist so intensiv, daß es schwer fällt, sie als Maßstab für unsere
Freundschaften zu nehmen. Und doch hat uns der Herr selbst dazu ermuntert, uns
seine Maßstäbe zueigen zu machen und gegenüber jedem freundlich, offen,
dienstbereit zu sein:
Ich habe euch ein Beispiel gegeben,
damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. (...) Wie ich euch
geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.9
Ist uns
überhaupt eine solche Liebe möglich? Sie muß es sein, wenn Christus uns dazu
auffordert. Wir können schwerlich die göttlichen Züge seiner Liebe nachahmen -
die alle und jeden erfassende Intensität; aber wir können von ihm lernen, wie
eine echt menschliche Liebe zu sein hat.
Die
Universalität der gott-menschlichen Liebe schließt freilich nicht aus - und wir
sehen es im Evangelium -, daß er auch engere Freunde hatte. Wer waren diese
besonderen Freunde Jesu? Im Kreise der Apostel gab es einen
Jünger, den Jesus liebte10,
Lazarus wird Jesu
Freund genannt; und von
ihm und seinen Schwestern heißt es:
Jesus liebte Marta, ihre Schwester
und Lazarus11.
Das Haus in Betanien muß für Jesus der Ort gewesen sein, wo er sich ausruhen
konnte. Der Tod des Lazarus verdeutlicht am besten, wie gern Jesus die
Geschwister in Betanien hatte.12
Er weiß, daß Lazarus erkrankt ist, kommt aber erst, als er schon im Grabe liegt.
Er war im
Innersten erregt und erschüttert: »Schmerz über den Tod eines
geliebten Menschen, Schmerz über den Abschied auf Lebenszeit. Bei Jesus auch der
unermeßliche Schmerz über das Los des Todes als >der Sünde Sold< (Röm
6,23).«13 Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!
Was
können wir daraus lernen? Dem menschgewordenen Sohn Gottes nicht als einer
fernen, fremden Gestalt, sondern wie einem engen Freund zu begegnen: »Jesus ist
dein Freund. - Der Freund. - Er hat ein Herz aus Fleisch wie du. - Er hat Augen
voller Liebe, die um Lazarus weinten... Und so wie den Lazarus, liebt er
dich.«14
III. Jesus ist für alle da, die ihm
guten Willens begegnen. Er greift ihre Sorgen auf, tröstet sie, läßt wieder
Hoffnung entstehen.
Der Herr
verwandelt alles. Er bestreitet nicht das Recht der Schwestern zu trauern, er
trauert ja selbst; aber mit einem Satz kehrt er deren menschlich-natürliche
Sicht um in die Perspektive des Göttlichen:
Ich bin die Auferstehung und das
Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.15
Oder nehmen wir Emmaus: er läßt die zwei verängstigten und mutlosen Jünger sich
aussprechen und holt sie dann mit einem Wort aus ihrer Niedergeschlagenheit:
Mußte nicht der
Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?16
Ebenso ermunterte er die Ehebrecherin zu einem Neuanfang:
Auch ich verurteile dich nicht. Geh
und sündige von jetzt an nicht mehr!17
Auch die Neugier des Zachäus deutet Jesus als eine verborgene Sehnsucht:
Zachäus, komm
schnell herunter! Denn ich muß heute in deinem Haus zu Gast sein.18
Betrachten auch wir heute aufs neue, daß Christus »unser Begleiter und Freund
ist; ein Begleiter, der nur wie durch Schatten hindurch sichtbar wird, dessen
Wirklichkeit jedoch unser ganzes Leben erfüllt und uns seine endgültige
Gegenwart herbeisehnen läßt«19.
Was
müssen wir tun, um Jesus zum Freund zu haben? Die heilige Theresia von Avila
bemerkt einmal: »Töricht, wer da glaubt, der Herr gebe den Leuten seine
Freundschaft ohne Mühe, als Geschenk.«20 Und an einer anderen Stelle heißt es
bei ihr: »Es ist unbillig, jemandem, der uns soviel gegeben hat und weiterhin
gibt, etwas, womit wir ihm dienen und was wir ihm schenken wollen, (...) nicht
mit aller Entschlossenheit hinzugeben, sondern nur leihweise, wie etwas, das man
zurücknehmen will. Das nenne ich nicht >schenken<.«21 Der beharrliche Umgang mit
dem Herrn in den Sakramenten und die Betrachtung seines Lebens im Gebet sind die
Quellen, die uns immer wieder erneuern. »Wann immer wir an Christus denken,
immer wollen wir beachten, von welcher Liebe er getrieben wurde, um so viele
Gnaden und Wohltaten zu gewähren, und welche Liebe uns Gott gezeigt hat, daß er
uns ein solches Pfand seiner Zuneigung schenkte, denn Liebe verlangt Gegenliebe.
Darin wollen wir uns Mühe geben, das immer vor Augen zu haben und dadurch die
Liebe in uns zu wecken. Denn wenn Gott uns die Gnade erweist, unseren Herzen
diese Liebe tief einzuprägen, wird uns alles ganz leicht, und in kurzer Zeit
bringen wir mit wenig Mühe sehr viel zustande«22
Wie kann
ich meinem eigenen Umgang mit Freunden oder Freundinnen etwas von der Zuwendung
Jesu verleihen? »Wenn man die Liebe Gottes erfährt, spürt man die Last der
Seelen.«23 Nichts ist wertvoller als die Freundschaft mit Jesus Christus. Sie
strahlt auf alles aus. »In einem Christen, in einem Kind Gottes, bilden
Freundschaft und Gottesliebe eine einzige Realität: sie sind Licht Gottes, das
Wärme spendet.«24 Die natürliche Freundschaft wird von dem Wunsch beseelt, den
Freund oder die Freundin auf Gott hinzuweisen. Papst Johannes Paul II. schreibt:
»Die Freundschaft wird leicht, rein und stark, wenn sie getragen und genährt
wird von der charakteristischen und erhabenen Liebesgemeinschaft, die die Seele
des Christen mit Jesus Christus verbinden soll.«25
Freundschaft mit Jesus hier auf Erden - und dann, wenn er uns zu sich ruft, für
immer im Himmel. »Ein großer Trost wird für uns in der Stunde des Todes der
Gedanke sein, daß wir von dem gerichtet werden, den wir über alles geliebt
haben. Wir werden dann mit Zuversicht zum Gericht über unsere Schulden gehen
können. Unsere Reise wird uns nicht in ein fremdes Land, sondern in unser
eigenes Heimatland führen, weil es dem gehört, den wir so innig lieben und der
auch uns so sehr liebt.«26
1
Lk
5,33-39. -
2
M.-J. Lagrange,
Das
Evangelium von Jesus Christus,
Heidelberg 1949, S.144. -
3
vgl.
Joh
3,29. -
4
G. Kroll,
Auf den
Spuren Jesu,
Stuttgart 1988, S.182. -
5
Phil
3,8. -
6
Mt
9,11-13. -
7
R. Guardini,
Der Herr,
Würzburg 1951, S.58. -
8
ebd., S.63. -
9
Joh
13,15.34. -
10
Joh
21,20. -
11
Joh
11,3-5. -
12
vgl.
Joh
11. -
13
P. Berglar,
Petrus -
Vom Fischer zum Stellvertreter,
München 1991, S.107. -
14
J. Escrivá,
Der Weg,
Nr.422. -
15
Joh
11,25. -
16
Lk
24,26. -
17
Joh
8,11. -
18
Lk
19,5. -
19
J. Escrivá,
Christus
begegnen,
116. -
20
Theresia von Avila,
Weg der
Vollkommenheit,
18,2. -
21
ebd., 39. -
22
Theresia von Avila,
Leben,
22,14. -
23
J. Escrivá,
Freunde
Gottes
122. -
24
J. Escrivá,
Im Feuer
der Schmiede,
Nr.565. -
25
Paul VI.,
Ansprache,
26.7.78. -
26
Theresia von Avila,
Weg der
Vollkommenheit,
40,8.
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