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JAHRESKREIS
4. WOCHE - SAMSTAG
33
zeit für
musse
Bei Jesus Kräfte sammeln.
Jesus, müde im Boot.
Nicht Arbeitspause, sondern
Muße.
I.
Die Apostel versammelten sich wieder
bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.
Hinter ihnen liegt eine aufregende Zeit, reich an Überraschungen und an neuen
Erfahrungen. Der Herr hatte sie ausgesandt - zum erstenmal und
jeweils zwei
zusammen1.
Es mag sein, daß Jesus damit dem Gesetz genügen wollte, wonach zur Beglaubigung
eines Zeugnisses - und sie waren ja seine Zeugen -
die Aussage von zwei oder drei Zeugen2
erforderlich ist. Aber wußte er nicht auch um die Verlegenheit von Männern, die
sich im Fischfang gut auskannten, aber keine Redner, keine Gelehrten waren? Sie
konnten also im Gespräch miteinander die anfängliche Unsicherheit überwinden.
Das heutige Evangelium3
schildert ihre Rückkehr. Es drängt sie, dem Herrn alles zu berichten,
was sie getan
und gelehrt hatten. Und der Herr versteht jetzt ihre Redseligkeit
genauso gut, wie er vorher ihre Gehemmtheit verstanden hatte.
Da sagte er zu
ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig
aus. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend.
Der heilige Josefmaria Escrivá riet,
das Evangelium nicht nur zu lesen, sondern es zu erleben: „Das ist ein großer
Unterschied. Bloß lesen heißt sich Vergangenes in Erinnerung rufen; miterleben
aber bedeutet dabeisein, unmittelbar am Geschehen, das sich hier und jetzt
vollzieht, teilnehmen als einer unter den Anwesenden.«4 Dies ist ein
bewährter Rat zur Nachfolge Christi: »Darin besteht das Geheimnis. Ihn so sehr
aus der Nähe begleiten, daß wir mit ihm zusammen leben wie die ersten Zwölf; so
nahe, daß wir mit ihm einswerden.«5
Die Apostel haben die Ungewißheit des Anfangs, die Aufregung der
ersten Gespräche, die Überraschung des Gelingens, hier und da sicherlich auch
ein Scheitern erlebt. Vieles in wenigen Tagen. Jetzt suchen sie zur Entspannung
die Aussprache mit Jesus.
Kommt
mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus.
Der Evangelist erläutert:
Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum
Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Jesus
weiß, daß jetzt die Sorge um die Seinen wichtiger ist als die Belehrung der
Menge. Also zieht er sich mit ihnen zurück.
Jetzt sind wir gleichsam die Jünger
des Herrn, die sich bei ihm ausruhen wollen, vielbeschäftigt und gestreßt, so
daß manches bei uns aus den Fugen zu geraten droht: Gebet, Familienleben,
Gesundheit...
Rhetorisch meisterhaft, nennt uns
Augustinus den Grund:
Difficile est in turba videre
Christus - schwierig ist es, im Menschengewühl Christus zu sehen.
Solitudo quaedam
necessaria est menti nostrae - unser Herz braucht eine gewisse
Einsamkeit.
Quadam solitudine intentionis videtur Deus - in dieser Einsamkeit
des Blickes zeigt sich Gott. Und dann der wuchtige Schlußsatz:
Turba strepitum
habet - das Menschengewühl bringt viel Lärm mit sich.
Visio ista
secretum desiderat - sinngemäß übersetzt: Wenn wir sehen wollen,
brauchen wir die Stille.6
II. „Das ganze Leben Jesu - seine
Worte und Taten, sein Schweigen und seine Leiden, seine Art, zu sein und zu
sprechen - ist Offenbarung des Vaters. (...) Das ganze Leben Christi ist
Erlösungsgeheimnis. Die Erlösung wird uns vor allem durch das am Kreuz
vergossene Blut zuteil, aber dieses Mysterium ist im ganzen Leben Jesu am Werk.«7
Beim aufmerksamen Lesen des Evangeliums stoßen wir auf Einzelheiten, die das
Menschsein unseres Herrn anrührend manifestieren. Jesus hat Erschöpfung und
Müdigkeit am eigenen Leib erfahren. Johannes erlebt ihn am Jakobsbrunnen bei
Sychar um die Mittagsstunde: Er
war müde von der Reise und setzte
sich daher an den Brunnen8.
Auch während des Sturms auf dem See sehen wir einen ganz und gar menschlichen
Jesus: er lag
hinten im Boot auf einem Kissen und schlief9.
Der Herr hatte den ganzen Tag gepredigt, jetzt ist er einfach erschöpft.
Wahrscheinlich fällt es uns nicht
schwer, bei einer ernsten Krankheit an das Leiden Christi zu denken und an sein
Wort: Kommt alle
zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch
Ruhe verschaffen.10
Aber warum nicht auch, wenn wir nur müde und abgespannt sind von den Mühen des
Tages? Jesus hat diese Zeiten elementarer menschlicher Bedürftigkeit am eigenen
Leib erfahren - sie waren ganz natürlich, und doch zugleich übernatürlich:
Erlösungsgeheimnis. Welcher Trost, den erschöpften Herrn zu betrachten! Wie nah
kann er uns in solchen Augenblicken sein!
Die physische Ermattung kann sich
negativ auswirken, wenn man einfach keine Lust mehr hat und jede weitere
Anstrengung scheut. Aber erwartet Gott nicht Haltung und Disziplin? „Der Mensch
soll sich nie und in keiner Weise als fern von Gott ansehen, weder wegen eines
Mangels noch wegen einer Krankheit, noch wegen etwas anderem.«11,
schreibt Meister Eckhardt. Es ließe sich hinzufügen: auch dann nicht, wenn die
Müdigkeit uns den Mut nimmt. »Wenn deine großen Mängel dich so weit von ihm
abtreiben wollen, daß du dich nicht Gott zu nähern vermagst, so sollst du
dennoch Gott als den Nahen erkennen. Denn es liegt ein großer Schaden vor, daß
der Mensch seinen Gott in die Ferne versetzt. Ob nun der Weg des Menschen zu ihm
hin oder von ihm weg verläuft, Gott geht niemals in die Ferne; er bleibt
beständig nah. Und kann er nicht drinnen bleiben, so entfernt er sich doch nicht
weiter als bis vor die Tür.«12 Selbst wenn wir es einmal sattsam leid
sind und das geistliche Leben vernachlässigen, verläßt uns der Herr nicht. »Er
entfernt sich doch nicht weiter als bis vor die Tür..«
Also gilt es zu lernen, daß auch
unsere Ermüdungen ein Weg sein können, uns Gott nahe zu fühlen. Die Last wird
leichter, wenn man sie mit der Müdigkeit Christi zu verbinden versteht. Und
vielleicht geht uns dann auch auf, daß da jemand in unserer Nähe ist, der noch
mehr Grund hat als wir, müde zu sein. Wie der heilige Paulus schreibt:
Einer trage des
anderen Last.13
Johannes Paul II. kommentierte einmal diese Situation: „Ein gutes Wort ist
leicht gesagt; doch bisweilen fällt es uns schwer, es auszusprechen. Die
Müdigkeit hindert uns, die Sorgen bringen uns davon ab, ein Gefühl der Kälte und
egoistischer Gleichgültigkeit hemmt uns.«14 Und er fährt fort: »Ein
Zeichen der Aufmerksamkeit und Freundlichkeit kann wie ein frischer Wind wirken
in der Abgeschlossenheit eines von Trauer und Niedergeschlagenheit heimgesuchten
Daseins.«15 Das Tragen der Ermüdung um Christi willen ist eine Schule
der Demut, der Nächstenliebe und der Tapferkeit. Denn ein Teil der Tapferkeit
besteht darin, trotz Müdigkeit weiter zu tun, was getan werden muß.
III.
Gott ruhte am siebten Tag, nachdem er
sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte
ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung
vollendet hatte.15
Von daher „erhält das Leben des Menschen durch die Arbeit und die Ruhe seinen
Rhythmus.«16
Nach der Heiligen Schrift ist die
Ruhe
sozusagen Ausgangs- und Zielpunkt von Gottes
Arbeit. Darin liegt
eine neue Sicht, die die Muße begründet. Sie „ist mit den äußeren Fakten von
Arbeitspause, Freizeit, Wochenende, Urlaub nicht schon gegeben. Muße ist ein
Zustand der Seele!«17 Sie »besagt den Bereich alles dessen, was, ohne
bloß nutzend zu sein, dennoch zu einem ungeschmälert menschlichen Dasein
gehört.«18 Für Arbeitsfanatiker »etwas Ungehöriges, wie ein anderes
Wort für Müßiggang und Trägheit.«19 Nach der christlichen Tradition
ist es genau umgekehrt, gerade die Mußelosigkeit, die Unfähigkeit zur Muße hängt
mit der Trägheit zusammen; die Rastlosigkeit des Arbeitens um der Arbeit willen
entspringt gerade aus der Trägheit. »Deshalb deutet der heilige Thomas die
acedia
- die Trägheit des Geistes - als einen Verstoß gegen >die Ruhe des Geistes in
Gott<.«20
Diese Überlegungen können den
gestreßten Zeitgenossen sowohl vom Aktivismus als auch vom Müßiggang befreien.
Echte Muße befreit uns von der Vorstellung, man befinde sich in einer leeren
Zeit: „Erholung heißt nicht etwa Nichtstun: sie ist vielmehr ein Sich-Entspannen
bei weniger anstrengenden Tätigkeiten.«21 Die Anspannungen des
Arbeitsalltags lösen: das kann durch Sport ebenso geschehen wie auf einem
Spaziergang, bei dem sich uns die Schönheit wie die Geheimnisse der Schöpfung
nett erschließen, oder endlich das längst fällige Buch zu lesen, auf Wünsche der
Kinder oder des Ehepartners einzugehen, den Umgang mit befreundeten Familien zu
stärken... und nicht zuletzt nachzudenken: „Die großen, die glücklichen, die
niemals erjagbaren Einsichten und Einfälle werden vor allem in der Muße zuteil.«22
All dies soll nicht in der Haltung
dessen geschehen, „der eingreift, sondern dessen, der losläßt, der sich losläßt
und überlässt.«23 So ist Erholung mehr als Urlaub oder Ferien; sie
ist »eine Gestalt jenes Schweigens, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen
von Wirklichkeit: nur der Schweigende hört; und wer nicht schweigt, hört nicht.
Solches Schweigen ist nicht stumpfe Lautlosigkeit, nicht totes Verstummen; es
bedeutet vielmehr, daß der dem Seienden auf Grund ewiger Zuordnung
ent->sprechenden< Antwortkraft der Seele nicht ins Wort gefallen werde. Muße ist
die Haltung des empfangenden Vernehmens, der anschauenden, kontemplativen
Versenkung in das Seiende.«24
Lassen wir von neuem die Worte des
heiligen Augustinus auf uns wirken, die wir zu Beginn betrachteten: „Schwierig
ist es, im Menschengewühl Christus zu sehen. Unser Herz braucht eine gewisse
Einsamkeit. In dieser Einsamkeit des Blickes zeigt sich Gott. Das Menschengewühl
bringt viel Lärm mit sich. Wenn wir sehen wollen, brauchen wir die Stille.«
Stichen wir die Ruhe, das Atemholen der Seele, bei Jesus, wie damals die
Apostel.
1
Mk
6,7. -
2
Dtn
19,15. -
3
Mk
6,30-34. -
4 J. Escrivá,
Der
Kreuzweg, IX,4. -
5 J. Escrivá,
Freunde Gottes, 299. -
6 Augustinus,
Vorträge über das Johannesevangelium, 17,11. -
7
Katechismus der Katholischen Kirche, 516-517. -
8
Joh
4,6. -
9
Mk
4,38. -
10
Mt
11,28. -
11 Meister Eckhart,
Die
Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S.58.. -
12
ebd. -
13
Gal
6,2. -
14 Johannes Paul II.,
Predigt 11.2.1981. -
15
Gen
2,2-3. -
16
Katechismus der Katholischen Kirche, 2184. -
17
J. Pieper,
Muße und Kult, München
1965, S.51. -
18 ebd., S.84. -
19
ebd., S.47. -
20 ebd., S.50. -
21
J. Escrivá,
Der Weg, Nr.357. -
22
J. Pieper, a.a.O., S.54. -
23 ebd., S.53. -
24
ebd., S.52.
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