Francisco F. Carvajal's Webseite


Freitag, den 3. September 2010 


Meditationen für jeden Tag
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Jahreskreis
22. Woche - Freitag

35

jesus und seine freunde

Die Freunde des Bräutigams.
Jesu Maßstäbe der Freundschaft.
Christus verwandelt alles.

I. Zwei recht verschiedene Gruppen begegneten sich im Haus des Matthäus: auf der einen Seite die Freunde des Hausherrn, auf der anderen Seite die Freunde Jesu - die ersten Apostel. Matthäus, den der Herr kurz vorher berufen hatte, hat sie zusammengebracht. Auch einige ungebetene Gäste waren dort. Sie wunderten sich, daß nicht gefastet wurde, und fragten Jesus deshalb: Die Jünger des Johannes fasten und beten viel, ebenso die Jünger der Pharisäer; deine Jünger aber essen und trinken.1

Fasten ist in unserer Zeit wieder ein Thema. Meistens steht dabei die Zweckmäßigkeit im Vordergrund: Fasten aus Gesundheit oder aus Eitelkeit oder es ist die radikale Form des Hungerstreiks, um Forderungen durchzusetzen. Für die frommen Juden war das Fasten »eine Weise, sich zu demütigen, sich klein zu machen, den göttlichen Zorn zu besänftigen oder die verhängte Strafe anzunehmen: das Fasten war wesentlich ein Zeichen der Buße und der Trauer. Das Gesetz verlangte es nur für einen einzigen Tag, das Versöhnungsfest. An diesem Tage war das Fasten für alle verpflichtend. Aber man fastete auch im Gedenken an die großen nationalen Unglückstage (...). Die Pharisäer hatten ohne Zweifel noch andere bestimmte Fasttage, und außerdem fasteten sie auch sonst zum Zeichen ihrer Frömmigkeit, und das taten auch die Jünger des Johannes, die hierin dem Beispiel ihres Meisters, des großen Asketen, folgten. Die breite Masse des Volkes, mit schwerer Arbeit beschäftigt, konnte eine solche zusätzliche Last nicht tragen, und Jesus hatte sie auch seinen Jüngern nicht auferlegen wollen.«2 Könnt ihr denn die Hochzeitsgäste fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? fragt er. Es ist doch eine freudige Zeit... Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein, injenen Tagen werden siefasten.

Neulich haben wir beim Betrachten des Gleichnisses von den klugen und den törichten Jungfrauen über die Hochzeitsbräuche bei den Israeliten gesprochen. Wir haben den Freundinnen der Braut besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Auch der Bräutigam hatte ein Ehrengeleit von Freunden. Einer von ihnen war der Chef des Festes. Johannes der Täufer bezieht sich auf diese ehrenvolle Stellung, wenn er sich mit dem Freund des Bräutigams vergleicht, der dabei steht und ihn hört und sich über die Stimme des Bräutigams freut3. »Nach der Heiligen Schrift galt der Hochzeitsjubel als Ausdruck höchster Freude. Darum waren auch die Freunde des Bräutigams, die während der ganzen Hochzeit mit Gesang und Tanz für die Unterhaltung des Brautpaares sorgen mußten, von manchen religiösen Übungen befreit, z.B. vom Fasten und vom Achtzehngebet.«4

Die alles übertreffende Erkenntnis Jesu Christi5 blitzt in jedem Wort des Herrn auf. Heute ist die Anspielung auf die Freude der Begegnung mit dem Bräutigam ein solches Licht. Gehören wir zu den Freunden des Bräutigams? Gewiß, durch Glaube und Taufe sind wir es geworden, aber verhalten wir uns auch als solche?

II. Mit was für Menschen verkehrt Jesus? Neben gesellschaftlich angesehenen Personen wie Nikodemus oder Josef von Arimathäa finden wir Leute, die gesellschaftlich wenig galten oder die man religiös für unzuverlässig hielt, wie Zachäus oder Matthäus. Mehrfach hören wir den Vorwurf: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Die Antwort des Herrn auf diesen Vorwurf macht klar, welche Menschen ihn besonders interessieren: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken (...). Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.6

Nur jene schließen sich aus der Freundschaft Jesu aus, die meinen, Gerechte zu sein, ihn nicht zu brauchen. Jesus selbst ist allen zugetan, ihm bedeuten gesellschaftliche Wertungen und Unterschiede nichts. »Sein Reden und Handeln kommt anderswoher und richtet sich auf Anderes. Er meint den Menschen und dessen Verhältnis zu Gott. Nie würde Jesus gesellschaftliche Preisgegebenheit als solche für etwas Wertvolles, nie Ordnung der menschlichen Dinge als solche für einen Schaden am Eigentlichen ansehen. Alle Verhältnisse sind Wege zu Gott hin, aber auch Abwege von ihm fort.«7 Wenn er mit Wohlhabenden verkehrt, dann nicht, weil sie wohlhabend sind, wenn er sich gesellschaftlich Geächteten zuwendet, dann nicht, weil sie geächtet sind. Jesus »nimmt nicht Partei für die Ausgestoßenen wider die Geordneten und Geachteten. Er hält nicht die Sünder als solche für wertvoller als die Tugendhaften. Das alles wäre Romantik und modernes Ressentiment. Jesus sucht den Menschen und stellt ihn vor Gott.«8

Sind sie alle Freunde Jesu? Die uns unbegreifliche Weite seines Herzens macht ihn zu einer solchen Liebe fähig, daß man mit Recht sagen kann, jeder, der ihm ernsthaft und gutwillig begegnet, und sei es nur für Augenblicke, ist schon sein Freund. So wird es mit dem blinden Bartimäus gewesen sein, über den wir nichts Weiteres mehr erfahren, oder mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, mit der der Herr, obwohl müde und erschöpft, ein Gespräch beginnt, oder mit Simon von Zyrene in der Stunde der großen Not. Die Liebe Jesu schwingt in jeder Begegnung mit. Seine Zuwendung ist so intensiv, daß es schwer fällt, sie als Maßstab für unsere Freundschaften zu nehmen. Und doch hat uns der Herr selbst dazu ermuntert, uns seine Maßstäbe zueigen zu machen und gegenüber jedem freundlich, offen, dienstbereit zu sein: Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. (...) Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.9

Ist uns überhaupt eine solche Liebe möglich? Sie muß es sein, wenn Christus uns dazu auffordert. Wir können schwerlich die göttlichen Züge seiner Liebe nachahmen - die alle und jeden erfassende Intensität; aber wir können von ihm lernen, wie eine echt menschliche Liebe zu sein hat.

Die Universalität der gott-menschlichen Liebe schließt freilich nicht aus - und wir sehen es im Evangelium -, daß er auch engere Freunde hatte. Wer waren diese besonderen Freunde Jesu? Im Kreise der Apostel gab es einen Jünger, den Jesus liebte10, Lazarus wird Jesu Freund genannt; und von ihm und seinen Schwestern heißt es: Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus11. Das Haus in Betanien muß für Jesus der Ort gewesen sein, wo er sich ausruhen konnte. Der Tod des Lazarus verdeutlicht am besten, wie gern Jesus die Geschwister in Betanien hatte.12 Er weiß, daß Lazarus erkrankt ist, kommt aber erst, als er schon im Grabe liegt. Er war im Innersten erregt und erschüttert: »Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen, Schmerz über den Abschied auf Lebenszeit. Bei Jesus auch der unermeßliche Schmerz über das Los des Todes als >der Sünde Sold< (Röm 6,23).«13 Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!

Was können wir daraus lernen? Dem menschgewordenen Sohn Gottes nicht als einer fernen, fremden Gestalt, sondern wie einem engen Freund zu begegnen: »Jesus ist dein Freund. - Der Freund. - Er hat ein Herz aus Fleisch wie du. - Er hat Augen voller Liebe, die um Lazarus weinten... Und so wie den Lazarus, liebt er dich.«14

III. Jesus ist für alle da, die ihm guten Willens begegnen. Er greift ihre Sorgen auf, tröstet sie, läßt wieder Hoffnung entstehen.

Der Herr verwandelt alles. Er bestreitet nicht das Recht der Schwestern zu trauern, er trauert ja selbst; aber mit einem Satz kehrt er deren menschlich-natürliche Sicht um in die Perspektive des Göttlichen: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.15 Oder nehmen wir Emmaus: er läßt die zwei verängstigten und mutlosen Jünger sich aussprechen und holt sie dann mit einem Wort aus ihrer Niedergeschlagenheit: Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?16 Ebenso ermunterte er die Ehebrecherin zu einem Neuanfang: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!17 Auch die Neugier des Zachäus deutet Jesus als eine verborgene Sehnsucht: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muß heute in deinem Haus zu Gast sein.18 Betrachten auch wir heute aufs neue, daß Christus »unser Begleiter und Freund ist; ein Begleiter, der nur wie durch Schatten hindurch sichtbar wird, dessen Wirklichkeit jedoch unser ganzes Leben erfüllt und uns seine endgültige Gegenwart herbeisehnen läßt«19.

Was müssen wir tun, um Jesus zum Freund zu haben? Die heilige Theresia von Avila bemerkt einmal: »Töricht, wer da glaubt, der Herr gebe den Leuten seine Freundschaft ohne Mühe, als Geschenk.«20 Und an einer anderen Stelle heißt es bei ihr: »Es ist unbillig, jemandem, der uns soviel gegeben hat und weiterhin gibt, etwas, womit wir ihm dienen und was wir ihm schenken wollen, (...) nicht mit aller Entschlossenheit hinzugeben, sondern nur leihweise, wie etwas, das man zurücknehmen will. Das nenne ich nicht >schenken<.«21 Der beharrliche Umgang mit dem Herrn in den Sakramenten und die Betrachtung seines Lebens im Gebet sind die Quellen, die uns immer wieder erneuern. »Wann immer wir an Christus denken, immer wollen wir beachten, von welcher Liebe er getrieben wurde, um so viele Gnaden und Wohltaten zu gewähren, und welche Liebe uns Gott gezeigt hat, daß er uns ein solches Pfand seiner Zuneigung schenkte, denn Liebe verlangt Gegenliebe. Darin wollen wir uns Mühe geben, das immer vor Augen zu haben und dadurch die Liebe in uns zu wecken. Denn wenn Gott uns die Gnade erweist, unseren Herzen diese Liebe tief einzuprägen, wird uns alles ganz leicht, und in kurzer Zeit bringen wir mit wenig Mühe sehr viel zustande«22

Wie kann ich meinem eigenen Umgang mit Freunden oder Freundinnen etwas von der Zuwendung Jesu verleihen? »Wenn man die Liebe Gottes erfährt, spürt man die Last der Seelen.«23 Nichts ist wertvoller als die Freundschaft mit Jesus Christus. Sie strahlt auf alles aus. »In einem Christen, in einem Kind Gottes, bilden Freundschaft und Gottesliebe eine einzige Realität: sie sind Licht Gottes, das Wärme spendet.«24 Die natürliche Freundschaft wird von dem Wunsch beseelt, den Freund oder die Freundin auf Gott hinzuweisen. Papst Johannes Paul II. schreibt: »Die Freundschaft wird leicht, rein und stark, wenn sie getragen und genährt wird von der charakteristischen und erhabenen Liebesgemeinschaft, die die Seele des Christen mit Jesus Christus verbinden soll.«25

Freundschaft mit Jesus hier auf Erden - und dann, wenn er uns zu sich ruft, für immer im Himmel. »Ein großer Trost wird für uns in der Stunde des Todes der Gedanke sein, daß wir von dem gerichtet werden, den wir über alles geliebt haben. Wir werden dann mit Zuversicht zum Gericht über unsere Schulden gehen können. Unsere Reise wird uns nicht in ein fremdes Land, sondern in unser eigenes Heimatland führen, weil es dem gehört, den wir so innig lieben und der auch uns so sehr liebt.«26

1 Lk 5,33-39. - 2 M.-J. Lagrange, Das Evangelium von Jesus Christus, Heidelberg 1949, S.144. - 3 vgl. Joh 3,29. - 4 G. Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S.182. - 5 Phil 3,8. - 6 Mt 9,11-13. - 7 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.58. - 8 ebd., S.63. - 9 Joh 13,15.34. - 10 Joh 21,20. - 11 Joh 11,3-5. - 12 vgl. Joh 11. - 13 P. Berglar, Petrus - Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.107. - 14 J. Escrivá, Der Weg, Nr.422. - 15 Joh 11,25. - 16 Lk 24,26. - 17 Joh 8,11. - 18 Lk 19,5. - 19 J. Escrivá, Christus begegnen, 116. - 20 Theresia von Avila, Weg der Vollkommenheit, 18,2. - 21 ebd., 39. - 22 Theresia von Avila, Leben, 22,14. - 23 J. Escrivá, Freunde Gottes 122. - 24 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.565. - 25 Paul VI., Ansprache, 26.7.78. - 26 Theresia von Avila, Weg der Vollkommenheit, 40,8.



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