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JAHRESKREIS
5. WOCHE - DIENSTAG
38
Das
Vierte Gebot
Hintergrund einer
Auseinandersetzung.
Jesus und das vierte Gebot.
Aus der Sicht der Eltern.
I. Durch frühere Erfahrungen
gewitzigt, treten die Pharisäer und Schriftgelehrten diesmal vorsichtig
taktierend auf: sie fragen nur.1
Und sie sind listig genug, nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger aufs Korn zu
nehmen: Warum
halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten?
Jesus aber - Jesaja zitierend - entlarvt ihre Gesinnung:
Ihr gebt Gottes Gebot preis und
haltet euch an die Überlieferung der Menschen. Denn sie nahmen daran Anstoß, daß
seine Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.
Es geht um die Sicherung der rituellen Reinheit, einen Brauch, der nicht auf das
Gesetz selbst, sondern auf die Autorität der alten Gesetzeslehrer zurückging und
zweimal an den Fingerspitzen vorgenommen werden mußte, damit das zweite Wasser
jede Spur des ersten, verunreinigten, fortspülte. »Aber diese rein äußerliche
Übung durfte nicht zur Hauptsache werden. Die Propheten, Amos vor allem, waren
gekommen, um die Reinheit des Herzens zu predigen, besonders die Liebe, die Gott
wohlgefälliger ist als die Beobachtung äußerlicher Gebräuche.«2
Jesus verdeutlicht diese Entartung des
Religiösen mit einem eindrucksvollen Beispiel:
Mose hat zum Beispiel gesagt: Ehre
deinen Vater und deine Mutter!, und: Wer Vater oder Mutter verflucht, soll mit
dem Tod bestraft werden. Ihr aber lehrt: Es ist erlaubt, daß einer zu seinem
Vater oder seiner Mutter sagt: Was ich dir schulde, ist Korbßn, das heißt: eine
Opfergabe. Damit hindert ihr ihn daran, noch etwas für Vater oder Mutter zu tun.
Jene also, die den Ernst der Gesetzeserfüllung bei den Jüngern bezweifeln, weil
sie die Überlieferung der Alten nicht beachten, unterhöhlen selbst Gottes Gebot.
Worin bestand die Praxis, die Jesus verurteilt?
Gottes Wille ist von Mose im Dekalog
niedergelegt; er verlangt, daß die Kinder ihre Eltern ehren; wer dieses Gebot
übertritt, verfällt der Todesstrafe. Nun setzten die Pharisäer durch ein
Kultusgelübde dieses Gebot außer Kraft. »Das Korbangelübde konnte jedem anderen
gegenüber angewendet werden. Und so konnte auch der Sohn, der mit seinen Eltern
verfeindet oder ein habsüchtiger Egoist war, in Form eines Gelübdes erklären,
daß jede Leistung, die seine Eltern von ihm beanspruchen konnten, für sie wie
eine Opfergabe (Korban) sein sollte. Hier konnte sich die Herzenshärte oder die
Undankbarkeit die Maske der Ehrfurcht vor Gott anlegen. Damit waren die Eltern
aller Unterstützungsansprüche an den Sohn für immer beraubt, weil es jedermann
verboten war, von einer Opfer- oder Weihegabe an den Tempel irgendwelchen Nutzen
zu haben. Auf Grund dieser rabbinischen Lehre konnte der Sohn die auf seine
Unterstützung angewiesenen Eltern dem bittersten Elend preisgeben, ohne dabei
selbst von seinem Vermögen oder Einkommen etwas an den Tempel abgeben zu müssen.
Denn das Korbangelübde war nichts als ein bloßes >Scheingelübde<, nämlich ein
>Versagungsgelübde<, durch das der Gelobende sich selbst nicht zur geringsten
Leistung verpflichtete.«3 Gott wird so zu einer Art Geschäftspartner
degradiert, den man geschickt hintergehen kann.
Bitten wir den Herrn, er möge uns ein schlichtes Herz geben.
II. Das vierte Gebot hatte Gott mit
feierlichen Segensverheißungen ausgestattet:
damit du lange lebst in dem Land, das
der Herr, dein Gott, dir gibt4.
Diese Verheißungen klingen recht diesseitig; sie sollen wohl bedeuten, daß
echtes Wohlergehen nur dann möglich ist, wenn man im Einklang mit dem Willen
Gottes und mit den Forderungen der menschlichen Natur lebt. Im Katechismus heißt
es dazu: »Die Beherzigung dieses Gebotes bringt neben geistlichen auch zeitliche
Früchte, nämlich Frieden und Wohlergehen. Die Mißachtung dieses Gebotes hingegen
zieht schwere Nachteile für menschliche Gemeinschaften und Einzelpersonen nach
sich.«5
Wie in jedem der zehn Gebote drückt
sich auch im vierten der geoffenbarte Wille Gottes aus, der zugleich eine
Forderung des natürlichen Sittengesetzes ist: »Mit dem vierten Gebot beginnt die
zweite Tafel des Dekalogs. Es weist auf die Ordnung der Liebe hin. Gott hat
gewollt, daß wir nach ihm auch unsere Eltern ehren, denen wir das Leben
verdanken und die uns den Glauben vermittelt haben.«6
Gott ist der einzige,
nach dessen
Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden benannt wird7.
So ist die Vaterschaft Gottes die Quelle der menschlichen Elternschaft und diese
ein Widerschein des göttlichen Schöpfertums; darauf gründet die Ehre der Eltern:
»Die Achtung der Kinder vor den Eltern entspringt der Dankbarkeit gegenüber
denen, die ihnen das Leben geschenkt und durch ihre Liebe und Arbeit ihnen
ermöglicht haben, an Größe, Weisheit und Gnade zu wachsen.«8
Es ist ein Gesetz des Lebens, daß sich
im Laufe der Zeit die konkrete Gestalt der Beziehung zu den eigenen Eltern
ändert: jene, die einmal als kleine Kinder unter der Pflicht des Gehorsams
standen, treten in eine neue Lebenssituation ein, heiraten, gründen eine Familie
und werden selbst Eltern. Dennoch bleiben die Pflichten gegenüber den eigenen
Eltern bestehen: »In Dankbarkeit, Ehrfurcht und Vertrauen müssen die Kinder das
erwidern, was die Eltern ihnen Gutes tun, und ihnen, wie es Kindern ziehmt, im
Unglück und in der Einsamkeit des Alters beistehen.«9 Dieser Beistand
ist auch darin besonders notwendig, wenn sich die Eltern dem Glauben entfremdet
haben und die Kinder darauf bedacht sein müssen, ihnen zu helfen, den Umgang mit
Gott wieder zu entdecken oder neu zu beleben. Freilich ist eine Bekehrung nicht
die Frucht einer Belehrung, die Kinder gegenüber ihren Eltern nur schwer
vornehmen können, sondern zuallererst die Frucht von Gebet und Opfer.
Beispiel und Lehre Jesu bekräftigen
die Bedeutung des vierten Gebotes. Wir können nur ahnen, wie aufmerksam und
liebevoll er sich Maria und Josef gegenüber verhielt. Sein Wort im Tempel:
Wußtet ihr
nicht, daß ich in dem sein muß, das meinem Vater gehört?10
ist kein Aufbegehren, es soll lediglich die Rangordnung des Gehorsams deutlich
machen. Denn im Anschluß daran heißt es:
Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret
zurück und war ihnen gehorsam. Später, als der Herr schon sein
öffentliches Leben begonnen hat, vernehmen wir zwischen den Zeilen etwas von
seiner Wertschätzung für die Familie: die Leute sehen in ihm den
Sohn des
Zimmermanns11,
der bei Josef das Handwerk erlernt hat; selbst beim ersten Wunder schimmert
etwas von dieser familiären Verbundenheit durch, denn er wirkt es auf die Bitte
seiner Mutter hin12;
er kümmert sich um die Mutter vom Kreuze herab und vertraut sie Johannes an13;
und er ist stets bereit, auf die Not einer Mutter oder eines Vaters einzugehen14.
Gleichzeitig vermitteln uns Beispiel
und Lehre des Herrn eine tiefere Sicht des vierten Gebotes, indem sie zeigen,
wie sich jede menschliche Liebe dem absoluten Vorrang der Liebe zu Gott
unterordnen muß:
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als
mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich,
ist meiner nicht würdig.15
Dies ist der Maßstab, damit die Bindung an die eigene Familie nicht zur Fessel
wird.
III. »Das vierte Gebot wendet sich
ausdrücklich an die Kinder und betrifft ihre Beziehungen zu Vater und Mutter,
denn diese ist die grundlegendste aller Beziehungen.«16 So haben wir
es als Kinder erfahren. Als Erwachsene auf die eigene Kindheit zurÜckblickend,
weitet sich dieser Blick und erfaßt auch - neben den Eltern -jene anderen
Menschen, denen wir Dankbarkeit und Wertschätzung schulden, weil sie zu unserer
Erzieh= 16 So haben wir es als Kinder erfahren. Als Erwachsene auf die eigene
Kindheit zurückblickend, weitet sich dieser Blick und erfaßt auch - neben den
Eltern - jene anderen Menschen, denen wir Dankbarkeit und Wertschätzung
schulden, weil sie zu unserer Erzieung beigetragen haben: die Großeltern,
vielleicht auch ledig gebliebene Geschwister der Eltern, die immer für uns da
waren, Lehrer oder Lehrerinnen oder einen Priester, der uns väterlich zu einer
Zeit beraten hat, da wir mit uns selbst nicht zurechtkamen. Wieviele Menschen
haben uns durch ihre natürliche Autorität - Weisheit, Erfahrung und Beispiel -
geprägt! »Wir sind verpflichtet, alle zu ehren und zu achten, die Gott zu
unserem Wohl mit seiner Autorität ausgestattet hat.«17 Lassen wir
diese Zeit der Betrachtung in ein Gebet für sie alle einmünden. Die Gemeinschaft
der Heiligen verbindet uns mit ihnen - mit den Lebenden wie mit den bereits
Verstorbenen.
= 17 Lassen wir diese Zeit der
Betrachtung in ein Gebet für sie alle einmünden. Die Gemeinschaft der Heiligen
verbindet uns mit ihnen - mit den Lebenden wie mit den bereits Verstorbenen.Eine
besondere Sehweise des vierten Gebotes ergibt sich für die Eltern: Sie »sollen
ihre Kinder als Kinder Gottes ansehen und sie als menschliche Personen achten.
Sie erziehen ihre Kinder dazu, das Gesetz Gottes zu erfüllen, indem sie selbst
gegenüber dem Willen des Vaters im Himmel gehorsam sind.«18 Wieviele
Anregungen in so wenigen Worten! Die eigenen Kinder um ihrer selbst willen
lieben, ihre Eigenart respektieren und fördern, sie nicht als eigenen Besitz
betrachten... Wenn man sich schon früh in diese Selbstverständlichkeit einübt,
wird es leichter, sie behutsam zu begleiten, wenn sie später ihre eigenen
Entscheidungen treffen. Und wenn ein Sohn oder eine Tochter den Weg der
Gotteshingabe in Ehelosigkeit gehen will, dann gilt es zu bedenken: »Es ist kein
>Opfer<, die Kinder hinzugeben, damit sie Gott dienen - es ist Ehre und Glück.«19
Geraten sie in eine Glaubenskrise, dann ist es an der Zeit, sie spüren zu
lassen, daß man - einfühlsam und verstehend - für sie da ist; oder sollten sie
sich ganz vom Glauben entfernen, gilt es die Brücke der menschlichen
Verbundenheit um so mehr zu fes= 19 Geraten sie in eine Glaubenskrise, dann ist
es an der Zeit, sie spüren zu lassen, daß man - einfühlsam und verstehend - für
sie da ist; oder sollten sie sich ganz vom Glauben entfernen, gilt es die Brücke
der menschlichen Verbundenheit um so mehr zu fetigen. Es ist ein schöner
Gedanke, stellvertretend für sie all das zu tun, was zum Christsein gehört.
Ein Angelpunkt der elterlichen Liebe
ist die Sorge um die Erziehung: »Die Eltern sind die Erstverantwortlichen für
die Erziehung ihrer Kinder. In erster Linie erfüllen sie diese Verantwortung,
indem sie ein Zuhause schaffen, wo Zärtlichkeit, Vergebung, gegenseitige
Achtung, Treue und selbstlose Dienstbereitschaft herrschen. Die Erziehung zu den
Tugenden beginnt zu Hause. Hier müssen die Kinder Opferbereitschaft, gesundes
Urteil und Selbstbeherrschung lernen, die Voraussetzung zu wahrer Freiheit sind.
(...) Die Eltern sollen die Kinder dazu erziehen, sie vor falschen
Zugeständnissen und dem Verlust der Würde zu bewahren, die jede menschliche
Gesellschaft in Gefahr bringen.«20
Das vierte Gebot ist ein Geben und
Nehmen, das den einzelnen bereichert, die Familie beseelt, die Gesellschaft
vermenschlicht. Jene Mutter hatte das gut verstanden, die in einem
Abschiedsbrief ihre Kinder bat, auch über ihren Tod hinaus das gegenseitige
Geben und Nehmen fortzusetzen, und die dann fortfuhr: »Vergebt mir alles, worin
ich gefehlt habe! Vergeßt nicht, immer für mich zu beten! Vor allem: Haltet
immer fest am Glauben! Im Himmel erwarte ich euch.«
1
Mk
7,1-13. -
2 M.-J. Lagrange,
Das
Evangelium von Jesus Christus, Heidelberg 1949, S.255. -
3
Regensburger Neues Testament, Bd.2, Regensburg 1958, S.136-137. -
4
Ex
20,12. -
5
Katechismus der Katholischen Kirche, 2200. -
6
ebd., 2197. -
7
Eph
3,15. -
8
Katechismus der Katholischen Kirche, 2215. -
9
II. Vat. Konz., Konst.
Gaudium et spes, 48. -
10
Lk
2,49. -
11
Mt
13,55. -
12 vgl.
Joh
2,1-11. -
13 vgl.
Joh
19,26-27. -
14 vgl.
Lk
7,11-17;
Mt 9,18-26; 15,22-28;
17,14-20. -
15
Mt
10,37. -
16
Katechismus der Katholischen Kirche, 2199. -
17
ebd., 2197. -
18 ebd., 2222. -
19
J. Escrivá,
Die Spur des Sämanns,
Nr.22. -
20
Katechismus der Katholischen Kirche, 2223-2224.
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