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Samstag, den 4. Februar 2012 


Meditationen für jeden Tag
Drucken - Massenmesswerte

JAHRESKREIS
4. WOCHE - FREITAG

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TAPFERKEIT

Das Zeugnis des Täufers.

Tapferkeit und Sich-Fürchten.

Viele Arten des Zeugnisses.

 

I. Johannes der Täufer war berufen, im Schatten Jesu zu stehen. Er nahm seine Sendung freudig an: Ich bin nicht der Messias, sondern ein Gesandter, der ihm vorausgeht (...). Er muß wachsen, ich aber muß kleiner werden.1 Gleichzeitig überschattet die spektakuläre Gestalt des Täufers in gewisser Weise die Gestalt Jesu, denn Jesus - auch wenn er im Unterschied zu Johannes Wunder wirkt - hält sich zurück. Deshalb gab es nach der Hinrichtung des Täufers Gerüchte, Jesus sei der wiedererstandene Johannes.

Und der Evangelist erwähnt zwei weitere Gerüchte über Jesus. Manche sahen in ihm den wiedergekommenen Elias, der in der jüdischen Enderwartung eine wichtige Rolle spielte; andere stellten ihn neben die großen Prophetengestalten der alten Zeit. Aber keiner kam auf den Gedanken, ihn für den Messias zu halten; sein Wirken deckte sich nicht mit den volkstümlichen Erwartungen, die darin übereinstimmten, im Messias den politischen Befreier Israels vom Joch der Fremdherrschaft und den glanzvollen Erneuerer des davidischen Königtums zu sehen.

Auch Herodes dachte: Johannes, den ich enthaupten ließ, ist auferstanden. Markus berichtet ungewohnt ausführlich über den Tod des Johannes, der - den Gerüchten nach zu urteilen - schon einige Zeit zurückliegen muß, und über die Vorgänge, die zu seinem Tod führten. Herodes hatte seine erste Frau verstoßen und seine Schwägerin Herodias sowie deren Tochter zu sich genommen. Dies war ein schwerer Verstoß gegen das jüdische Gesetz. Johannes wendet sich mutig dagegen und landet deswegen im Kerker. Herodias erscheint als die eigentliche Widersacherin, während Herodes hin und her schwankt, von einer abergläubischen Scheu gefesselt: „Einerseits läßt er sich den Tadel des Johannes wegen seiner verbrecherischen Ehe nicht gefallen und wirft ihn in den Kerker. (...) Andererseits aber muß er sich doch immer wieder den Johannes anhören, offenbar indem er ihn öfter vorführen ließ. Seine Ehe löst er nicht auf, dennoch aber tut er seiner Frau nicht den Gefallen, Johannes aus dem Wege zu räumen. So viel Macht hat sie doch wieder nicht über ihn. Es ist bezeichnend genug für den Charakter beider, der Frau und des Königs, auf welche Weise es ihr gelingt, zu ihrem Ziel zu kommen. Sie ist viel konsequenter in ihrem Gefühl und nährt beständig den Haß gegen den Propheten. Und da ist ihr nun jedes Mittel recht. Sie kennt des Königs Sinnlichkeit und Eitelkeit. Es ist ihr nicht zu schlecht, da sie selbst nicht mehr so bestricken kann, durch ihre Tochter aus erster Ehe den König zu reizen. Und grausam nützt sie dann die gelegene Stunde für sich aus.«2

Das Evangelium, das sonst nur das Milieu der einfachen Leute kennt, läßt uns hier in die korrupte Welt der Großen blicken. Knapp werden die zwei Welten einander gegenübergestellt - Luxus und Schlichtheit, Intrige und Arglosigkeit, Haß und Verehrung: Der Scharfrichter brachte den Kopf auf einer Schale, gab ihn dem Mädchen, und das Mädchen gab ihn seiner Mutter. Als die Jünger des Johannes das hörten, kamen sie, holten seinen Leichnam und legten ihn in ein Grab.

 

II. Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?3 Nein: Er ist der, von dem es in der Schrift heißt: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bereiten.4 Als Jesus sein Zeugnis über Johannes abgab, wollte er nicht bloß seine starke Persönlichkeit preisen, sondern auch seine Treue zum erhaltenen Ruf. Charakterstärke ist eine natürliche Eigenschaft; aber sie allein besagt noch nichts über das Gutsein eines Menschen. Gerade das heutige Evangelium zeigt, wie verschieden ihre Früchte sein können. Stark war Johannes, als er sich dem Mächtigen entgegenstellte - stark war auch Herodias in ihrer Hartnäckigkeit, den lästigen Mahner aus dem Weg zu räumen. Bei Herodias grundiert sie einen verdorbenen Charakter, bei Johannes die Treue zur Berufung.

Von der bloßen Charakterstärke unterscheidet sich die fortitudo, die Tapferkeit oder der Starkmut. „Ein Zeuge der Tapferkeit ist jemand, der sein Leben einsetzt, um einen Ertrinkenden zu retten, oder ein Mensch, der bei Naturkatastrophen wie Brand, Überschwemmung usw. Hilfe leistet.«5 Ein solch ehrenwertes Verhalten ist auch ohne den Blick auf Christus möglich. »Diese Tugend hatte bereits in der Antike klare Umrisse. Mit Christus bekam sie ein eigentlich christliches Profil. Sein Evangelium richtet sich an die schwachen, armen, sanftmütigen und demütigen Menschen, an die Friedensstifter, an die Barmherzigen, und es enthält zugleich einen ständigen Anruf zur Tapferkeit. Immer wieder heißt es: >Fürchtet euch nicht!< (Mt 14,27).«6

Dennoch gehört ein gewisses Sich-Fürchten zur Tapferkeit. Einen Menschen, der sich gedankenlos in eine gefährliche Situation stürzt, würden wir nicht schon tapfer nennen, wohl aber einen, der, sich der Gefahr bewußt, trotzdem handelt, indem er „auf das Furchtbare zugeht und sich nicht hindern läßt, das Gute zu tun, und zwar um des Guten, das ist letztlich um Gottes willen, nicht also aus Ehrgeiz oder aus Angst, für feige gehalten zu werden.«7

Das Blutzeugnis des Johannes steht an der Schwelle des Neuen Testamentes, gleichsam hinweisend auf das Opfer Christi: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.8 Er steht am Anfang einer langen Reihe von Zeugen, die um Christi willen durch die Jahrhunderte bekräftigen, daß das Martyrium „die eigentliche und höchste Tat der Tapferkeit ist. Die Bereitschaft zum Martyrium ist die Wesenswurzel aller christlichen Tapferkeit. Es gibt keine christliche Tapferkeit ohne diese Bereitschaft.«9 Andererseits hat die Kirche immer ein Sich-Drängen nach dem Martyrium verurteilt.

= 9 Andererseits hat die Kirche immer ein Sich-Dr„ngen nach dem Martyrium verurteilt.Das Martyrium des englischen Lordkanzlers Thomas Morus vor vierhundert Jahren bleibt auch heute aus vielen Gründen aktuell. Jahrelang hat er das normale Zeugnis eines Christen in der Welt gegeben: als sorgender Familienvater und kompetenter Anwalt, angesehen in der Gesellschaft, engagiert in der Politik. Des Hochverrats angeklagt, setzte er den ganzen Scharfsinn eines erfahrenen Juristen ein, um nach Möglichkeit dem Tod zu entgehen. Aber er zögerte nicht, sich, seinem christlichen Gewissen folgend, gegen den König und gegen anpassungswillige Höflinge zu stellen. Woher nahm er die Kraft? „Wenn er nicht schwach wird, dann nur, weil Christus ihn aufrechthält. Falls ihn aber die Kräfte doch verlassen sollten, wird Christus ihn wieder aufrichten wie einst den heiligen Petrus.«10

Gerade unsere Zeit, in der Anpassung und Duckmäusern Konjunktur haben, braucht „starke, tapfere Seelen, die nicht mit dürftigem Mittelmaß paktieren; Menschen, die mit einer klaren und festen Ausrichtung zu jedem Milieu Zugang finden.«11

 

III. „Gott braucht und bestimmt seine Zeugen nicht nach einem starren Reglement, sondern nach dem Ratschluß seiner Vorsehung. Er bedarf aller Arten von Zeugen - solcher, die leiden und sterben, anderer, die heiraten und Kinder aufziehen, solcher, die ihr Blut vergießen, und anderer, die nur Tinte benötigen, solcher, die arbeiten, und anderer, die als Invaliden im Rollstuhl sind. Und er bedarf der Zeugen an allen Orten und in allen Situationen - solcher, die im Zentrum des Wirbelsturms ausharren, und anderer, die fortgeweht werden als Samen in fremdes, unbebautes und verwildertes Erdreich; solcher, die vor die Verfolger hintreten, und anderer, die sich vor ihnen verstecken.«12

Gerade die Stätten, die in den Augen der Welt Stätten der Ohnmacht und Wehrlosigkeit sind, sind Stätten höchster Tapferkeit. Denn „das vornehmliche Werk der Tapferkeit, vornehmlicher denn Angreifen, ist Standhalten, das ist: unbeweglich feststehen in der Gefahr (...). Standhalten schließt zwar eine erleidende Haltung des Körpers in sich, aber auch die Tat der Seele, die mit aller Kraft im Guten beharrt, woraus entspringt, daß sie dem körperlichen Leiden, das schon über sie hereinbricht, nicht nachgibt. (...) Standhalten schließt zeitliche Dauer ein, angreifen indes kann einer aus plötzlichem Antrieb; es ist aber schwerer, lange unerschüttert zu verharren als in plötzlicher Bewegung auf ein steiles Ziel loszugehen.«13

Tatsächlich weiß jeder aus eigener Erfahrung in alltäglichen Kleinigkeiten, daß Standhalten eine große innere Kraft erfordern kann. Denken wir nur an das Bemühen, eine schlechte Laune unter Kontrolle zu halten oder bei einer ermüdenden Arbeit mit dem Schwung des Anfangs auszuharren. Die größeren Herausforderungen an Standhalten aber sind extreme Situationen wie körperliche Leiden und Gebrechen, Verfolgung und Unrecht. Warum? „Weil die wirkliche Welt so gebaut ist, daß erst im äußersten Ernstfall, der außer dem Standhalten gar keine andere Möglichkeit des Widerstandes übrigläßt, die letzte und tiefste Seelenstärke des Menschen sich zu offenbaren vermag. (...) Es gehört zu den fundamentalen Gegebenheiten dieser durch die Erbschuld in die Unordnung gestürzten Welt, daß die äußerste Kraft des Guten in der Ohnmacht sich erweist.«14

Dennoch gilt es für die meisten von uns, daß sich die Tapferkeit in den alltäglichen Situationen bewähren muß, in der Wiederkehr des scheinbar immer Gleichen, das uns zu ermüden und zu entmutigen droht und doch die Materie unserer Heiligung ist.

Wir schauen auf das Kreuz Christi, die Quelle der Tapferkeit, und versuchen, es mit den Augen der Mutter zu sehen. Sie steht zu Füßen des Kreuzes. Möge sie die Gnade Gottes über alle herabflehen, die mitten in der Ohnmacht tapfer sein wollen.

 

1 Joh 3,28.30. - 2 J. Dillersberger, Markus, Bd.III, Salzburg 1937, S.50. - 3 Mt 11,7. - 4 Mt 11,9-10. - 5 Johannes Paul II., Ansprache 15.11.1978. - 6 ebd. - 7 J. Pieper, Das Viergespann, München 1964, S.178. - 8 Joh 1,29. - 9 J. Pieper, a.a.O., S.166. - 10 P. Berglar, Die Stunde des Thomas Morus, Olten 1978, S.305. - 11 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.416. - 12 P. Berglar, Petrus - Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.208. - 13 Thomas von Aquin, Summa theologica, II-II, q.123, a.6. - 14 J. Pieper, Vom Sinn der Tapferkeit, München 1963, S.54-55.



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