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JAHRESKREIS
4. WOCHE - FREITAG
32
TAPFERKEIT
Das Zeugnis des Täufers.
Tapferkeit und
Sich-Fürchten.
Viele Arten des Zeugnisses.
I. Johannes der Täufer war berufen, im
Schatten Jesu zu stehen. Er nahm seine Sendung freudig an:
Ich bin nicht der Messias, sondern
ein Gesandter, der ihm vorausgeht (...). Er muß wachsen, ich aber muß kleiner
werden.1
Gleichzeitig überschattet die spektakuläre Gestalt des Täufers in gewisser Weise
die Gestalt Jesu, denn Jesus - auch wenn er im Unterschied zu Johannes Wunder
wirkt - hält sich zurück. Deshalb gab es nach der Hinrichtung des Täufers
Gerüchte, Jesus sei der wiedererstandene Johannes.
Und der Evangelist erwähnt zwei
weitere Gerüchte über Jesus. Manche sahen in ihm den wiedergekommenen Elias, der
in der jüdischen Enderwartung eine wichtige Rolle spielte; andere stellten ihn
neben die großen Prophetengestalten der alten Zeit. Aber keiner kam auf den
Gedanken, ihn für den Messias zu halten; sein Wirken deckte sich nicht mit den
volkstümlichen Erwartungen, die darin übereinstimmten, im Messias den
politischen Befreier Israels vom Joch der Fremdherrschaft und den glanzvollen
Erneuerer des davidischen Königtums zu sehen.
Auch Herodes dachte:
Johannes, den
ich enthaupten ließ, ist auferstanden. Markus berichtet ungewohnt
ausführlich über den Tod des Johannes, der - den Gerüchten nach zu urteilen -
schon einige Zeit zurückliegen muß, und über die Vorgänge, die zu seinem Tod
führten. Herodes hatte seine erste Frau verstoßen und seine Schwägerin Herodias
sowie deren Tochter zu sich genommen. Dies war ein schwerer Verstoß gegen das
jüdische Gesetz. Johannes wendet sich mutig dagegen und landet deswegen im
Kerker. Herodias erscheint als die eigentliche Widersacherin, während Herodes
hin und her schwankt, von einer abergläubischen Scheu gefesselt: „Einerseits
läßt er sich den Tadel des Johannes wegen seiner verbrecherischen Ehe nicht
gefallen und wirft ihn in den Kerker. (...) Andererseits aber muß er sich doch
immer wieder den Johannes anhören, offenbar indem er ihn öfter vorführen ließ.
Seine Ehe löst er nicht auf, dennoch aber tut er seiner Frau nicht den Gefallen,
Johannes aus dem Wege zu räumen. So viel Macht hat sie doch wieder nicht über
ihn. Es ist bezeichnend genug für den Charakter beider, der Frau und des Königs,
auf welche Weise es ihr gelingt, zu ihrem Ziel zu kommen. Sie ist viel
konsequenter in ihrem Gefühl und nährt beständig den Haß gegen den Propheten.
Und da ist ihr nun jedes Mittel recht. Sie kennt des Königs Sinnlichkeit und
Eitelkeit. Es ist ihr nicht zu schlecht, da sie selbst nicht mehr so bestricken
kann, durch ihre Tochter aus erster Ehe den König zu reizen. Und grausam nützt
sie dann die gelegene Stunde für sich aus.«2
Das Evangelium, das sonst nur das
Milieu der einfachen Leute kennt, läßt uns hier in die korrupte Welt der Großen
blicken. Knapp werden die zwei Welten einander gegenübergestellt - Luxus und
Schlichtheit, Intrige und Arglosigkeit, Haß und Verehrung: Der Scharfrichter
brachte den Kopf
auf einer Schale, gab ihn dem Mädchen, und das Mädchen gab ihn seiner Mutter.
Als die Jünger des Johannes das hörten, kamen sie, holten seinen Leichnam und
legten ihn in ein Grab.
II.
Was habt ihr denn sehen wollen, als
ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?3
Nein: Er ist
der, von dem es in der Schrift heißt: Ich sende meinen Boten vor dir her; er
soll den Weg für dich bereiten.4
Als Jesus sein Zeugnis über Johannes abgab, wollte er nicht bloß seine starke
Persönlichkeit preisen, sondern auch seine Treue zum erhaltenen Ruf.
Charakterstärke ist eine natürliche Eigenschaft; aber sie allein besagt noch
nichts über das Gutsein eines Menschen. Gerade das heutige Evangelium zeigt, wie
verschieden ihre Früchte sein können. Stark war Johannes, als er sich dem
Mächtigen entgegenstellte - stark war auch Herodias in ihrer Hartnäckigkeit, den
lästigen Mahner aus dem Weg zu räumen. Bei Herodias grundiert sie einen
verdorbenen Charakter, bei Johannes die Treue zur Berufung.
Von der bloßen Charakterstärke
unterscheidet sich die
fortitudo, die
Tapferkeit oder der Starkmut. „Ein Zeuge der Tapferkeit ist jemand, der sein
Leben einsetzt, um einen Ertrinkenden zu retten, oder ein Mensch, der bei
Naturkatastrophen wie Brand, Überschwemmung usw. Hilfe leistet.«5 Ein
solch ehrenwertes Verhalten ist auch ohne den Blick auf Christus möglich. »Diese
Tugend hatte bereits in der Antike klare Umrisse. Mit Christus bekam sie ein
eigentlich christliches Profil. Sein Evangelium richtet sich an die schwachen,
armen, sanftmütigen und demütigen Menschen, an die Friedensstifter, an die
Barmherzigen, und es enthält zugleich einen ständigen Anruf zur Tapferkeit.
Immer wieder heißt es: >Fürchtet euch nicht!< (Mt
14,27).«6
Dennoch gehört ein gewisses
Sich-Fürchten zur Tapferkeit. Einen Menschen, der sich gedankenlos in eine
gefährliche Situation stürzt, würden wir nicht schon tapfer nennen, wohl aber
einen, der, sich der Gefahr bewußt, trotzdem handelt, indem er „auf das
Furchtbare zugeht und sich nicht hindern läßt, das Gute zu tun, und zwar um des
Guten, das ist letztlich um Gottes willen, nicht also aus Ehrgeiz oder aus
Angst, für feige gehalten zu werden.«7
Das Blutzeugnis des Johannes steht an
der Schwelle des Neuen Testamentes, gleichsam hinweisend auf das Opfer Christi:
Seht, das Lamm
Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.8
Er steht am Anfang einer langen Reihe von Zeugen, die um Christi willen durch
die Jahrhunderte bekräftigen, daß das Martyrium „die eigentliche und höchste Tat
der Tapferkeit ist. Die Bereitschaft zum Martyrium ist die Wesenswurzel aller
christlichen Tapferkeit. Es gibt keine christliche Tapferkeit ohne diese
Bereitschaft.«9 Andererseits hat die Kirche immer ein Sich-Drängen
nach dem Martyrium verurteilt.
= 9 Andererseits hat die Kirche immer
ein Sich-Dr„ngen nach dem Martyrium verurteilt.Das Martyrium des englischen
Lordkanzlers Thomas Morus vor vierhundert Jahren bleibt auch heute aus vielen
Gründen aktuell. Jahrelang hat er das normale Zeugnis eines Christen in der Welt
gegeben: als sorgender Familienvater und kompetenter Anwalt, angesehen in der
Gesellschaft, engagiert in der Politik. Des Hochverrats angeklagt, setzte er den
ganzen Scharfsinn eines erfahrenen Juristen ein, um nach Möglichkeit dem Tod zu
entgehen. Aber er zögerte nicht, sich, seinem christlichen Gewissen folgend,
gegen den König und gegen anpassungswillige Höflinge zu stellen. Woher nahm er
die Kraft? „Wenn er nicht schwach wird, dann nur, weil Christus ihn
aufrechthält. Falls ihn aber die Kräfte doch verlassen sollten, wird Christus
ihn wieder aufrichten wie einst den heiligen Petrus.«10
Gerade unsere Zeit, in der Anpassung
und Duckmäusern Konjunktur haben, braucht „starke, tapfere Seelen, die nicht mit
dürftigem Mittelmaß paktieren; Menschen, die mit einer klaren und festen
Ausrichtung zu jedem Milieu Zugang finden.«11
III. „Gott braucht und bestimmt seine
Zeugen nicht nach einem starren Reglement, sondern nach dem Ratschluß seiner
Vorsehung. Er bedarf aller Arten von Zeugen - solcher, die leiden und sterben,
anderer, die heiraten und Kinder aufziehen, solcher, die ihr Blut vergießen, und
anderer, die nur Tinte benötigen, solcher, die arbeiten, und anderer, die als
Invaliden im Rollstuhl sind. Und er bedarf der Zeugen an allen Orten und in
allen Situationen - solcher, die im Zentrum des Wirbelsturms ausharren, und
anderer, die fortgeweht werden als Samen in fremdes, unbebautes und verwildertes
Erdreich; solcher, die vor die Verfolger hintreten, und anderer, die sich vor
ihnen verstecken.«12
Gerade die Stätten, die in den Augen
der Welt Stätten der Ohnmacht und Wehrlosigkeit sind, sind Stätten höchster
Tapferkeit. Denn „das vornehmliche Werk der Tapferkeit, vornehmlicher denn
Angreifen, ist Standhalten, das ist: unbeweglich feststehen in der Gefahr (...).
Standhalten schließt zwar eine erleidende Haltung des Körpers in sich, aber auch
die Tat der Seele, die mit aller Kraft im Guten beharrt, woraus entspringt, daß
sie dem körperlichen Leiden, das schon über sie hereinbricht, nicht nachgibt.
(...) Standhalten schließt zeitliche Dauer ein, angreifen indes kann einer aus
plötzlichem Antrieb; es ist aber schwerer, lange unerschüttert zu verharren als
in plötzlicher Bewegung auf ein steiles Ziel loszugehen.«13
Tatsächlich weiß jeder aus eigener
Erfahrung in alltäglichen Kleinigkeiten, daß Standhalten eine große innere Kraft
erfordern kann. Denken wir nur an das Bemühen, eine schlechte Laune unter
Kontrolle zu halten oder bei einer ermüdenden Arbeit mit dem Schwung des Anfangs
auszuharren. Die größeren Herausforderungen an Standhalten aber sind extreme
Situationen wie körperliche Leiden und Gebrechen, Verfolgung und Unrecht. Warum?
„Weil die wirkliche Welt so gebaut ist, daß erst im äußersten Ernstfall, der
außer dem Standhalten gar keine andere Möglichkeit des Widerstandes übrigläßt,
die letzte und tiefste Seelenstärke des Menschen sich zu offenbaren vermag.
(...) Es gehört zu den fundamentalen Gegebenheiten dieser durch die Erbschuld in
die Unordnung gestürzten Welt, daß die äußerste Kraft des Guten in der Ohnmacht
sich erweist.«14
Dennoch gilt es für die meisten von
uns, daß sich die Tapferkeit in den alltäglichen Situationen bewähren muß, in
der Wiederkehr des scheinbar immer Gleichen, das uns zu ermüden und zu
entmutigen droht und doch die Materie unserer Heiligung ist.
Wir schauen auf das Kreuz Christi, die
Quelle der Tapferkeit, und versuchen, es mit den Augen der Mutter zu sehen. Sie
steht zu Füßen des Kreuzes. Möge sie die Gnade Gottes über alle herabflehen, die
mitten in der Ohnmacht tapfer sein wollen.
1
Joh
3,28.30. -
2 J. Dillersberger,
Markus,
Bd.III, Salzburg 1937, S.50. -
3
Mt
11,7. -
4
Mt
11,9-10. -
5 Johannes Paul II.,
Ansprache 15.11.1978. -
6 ebd. -
7
J. Pieper,
Das Viergespann,
München 1964, S.178. -
8
Joh
1,29. -
9 J. Pieper, a.a.O.,
S.166. -
10 P. Berglar,
Die
Stunde des Thomas Morus, Olten 1978, S.305. -
11
J. Escrivá,
Die Spur des Sämanns,
Nr.416. -
12 P. Berglar,
Petrus
- Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.208. -
13
Thomas von Aquin,
Summa theologica,
II-II, q.123, a.6. -
14 J. Pieper,
Vom
Sinn der Tapferkeit, München 1963, S.54-55.
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