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Jahreskreis
22. Woche - Donnerstag
34
jesus im
boot des simon
Ein
wunderbarer Fischfang.
Menschenfischer in der Nachfolge Christi.
Der Lohn des Gehorsams.
I.
Wahrscheinlich haben wir die Stelle des heutigen Evangeliums1
schon oft betrachtet, denn sie erhellt den Dreiklang von persönlicher Nachfolge,
Gehorsam und apostolischem Zeugnis. Außerdem ist das, was in der Morgenfrische
am See geschah, zugleich ein Bild für die Kirche im Heilsplan Gottes und für das
spirituelle Leben des einzelnen Christen.
Als Jesus am Ufer des Sees Gennesaret
stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören. Da sah er
zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre
Netze. Sie hatten vergeblich gefischt, nur Algen und
umhertreibende Pflanzenreste mögen im Netz gewesen sein.
Jesus stieg in das Boot, das dem
Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren.
Der Herr läßt ihn ein paar Ruderschläge tun, damit man ihn vom Boot aus leichter
hören kann.
Entscheidende Gnaden haben oft eine lange Vorgeschichte. Jede Berufung
kristallisiert sich allmählich heraus, die Nähe zu Jesus wächst, bis einem klar
wird, daß er unser Bootsgefährte geworden ist. Für Petrus und die anderen Jünger
war die Tatsache, daß Christus das Boot bestieg, nur der Anfang. »Bereits die
Kirchenväter sahen in diesem Boot des Simon Petrus, das Jesus besteigt, ein
vorweggenommenes Bild der künftigen Kirche, die als das >Schiff des Heils< die
Meere der Weltgeschichte durchfahren wird. Aus diesem Schiff, das Petrus
steuert, lehrt der Herr, aus keinem anderen. Wiewohl die anderen Boote, die es
begleiten, nicht ausgenommen sind von seinen Lehren und auch nicht vom
Fischfang.«2
Als Jesus
seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See!
Dort werft eure Netze zum Fang aus! »Man durfte das Netz nicht auf gut Glück
auslegen, man mußte es - ein dreifaches, sehr langes Netz - langsam, so wie das
Boot fuhr, in das Wasser gleiten lassen. Wenn sie an die vorgesehene Stelle
gekommen waren, mußten sie sich nach dem Ausgangspunkt zurückwenden, sie
schlugen mit dem Ruder auf das Wasser, um so die Fische aufzustören und in die
Maschen des Netzes zu treiben.«3
Meister,
wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen...
»Die Antwort scheint vernünftig. Sie pflegten in den Nachtstunden zu fischen,
und in jener Nacht war die Arbeit umsonst gewesen. Wie sollte man dann am Tag
mehr erwarten? Doch Petrus glaubt: Aber auf dein Wort hin will ich die Netze
auswerfen (Lk
5,5). Er entschließt sich zu tun, was Christus ihn geheißen hat. Im Vertrauen
auf das Wort des Herrn macht er sich an die Arbeit.«4 Er glaubt und gehorcht der
Aufforderung des Herrn: Duc in altum! Fahr hinaus!
Jener
Fischzug brachte eine überwältigende Beute. Simon mußte die Gefährten im anderen
Boot zu Hilfe rufen, die Zebedäussöhne Jakobus und Johannes. Wir heute können
leichter als die Apostel damals die Tragweite des Geschehens ermessen. Das
schlichte Duc in
altum, Fahr hinaus! ist - vom Glauben her gesehen - nicht nur
etwas Anekdotisches, sondern es verweist auf das Hinauswachsen der Kirche in
Raum und Zeit durch die Jahrhunderte. Auch das Mitwirken der Gefährten des Simon
Petrus - in einem anderen Boot, aber nahe bei ihm und ihm zu Hilfe eilend - kann
man in unserer Zeit intensiver Bemühungen um die Einheit der Christen als
Zeichen deuten. Vor allem aber: aus gewöhnlichen Fischern werden
Menschenfischer: »Auch bei dieser neuen Art des Fischfanges wird die göttliche
Wirksamkeit nicht fehlen: Die Apostel sollen trotz ihrer persönlichen
Armseligkeiten zu Werkzeugen vieler Großtaten werden.«5
II.
Sie fingen eine
so große Menge Fische, daß ihre Netze zu reißen drohten. »Als
Petrus mit dem reichen Fischfang zurückkommt, geschieht etwas ganz Unerwartetes.
Er fällt nicht, wie man meinen möchte, Jesus um den Hals ob des guten Geschäfts,
sondern er fällt ihm zu Füßen. Er hält ihn nicht fest, um weiterhin einen
Erfolgsgaranten zu haben, sondern er stößt ihn von sich ab, weil er sich vor der
Macht Gottes fürchtet. >Geh weg, ich bin ein sündiger Mensch!< Wo Gott erfahren
wird, erkennt der Mensch seine Sündigkeit, und dann erst, wenn er dies wirklich
erkennt und anerkennt, erkennt er sich wirklich.«6 Diese persönliche Erfahrung
auf dem See Gennesaret ist Petrus »zu einem inneren Weg geworden, dessen
Erstreckung Lukas durch eine Rahmung mit zwei Wörtern andeutet. Der Evangelist
überliefert uns nämlich, daß vor dem Fischfang Petrus den Herrn angeredet habe
>Epistata<, was soviel wie Lehrer, Professor, Rabbi bedeutet. Zurückkehrend aber
fällt er vor Jesus auf die Knie und sagt nicht mehr Rabbi zu ihm, sondern
>Kyrie<, das heißt, er gebraucht die Gottesanrede für ihn. Petrus hatte den Weg
vom Rabbi zum Herrn, vom Lehrer zum Sohn durchschritten.7
Der Herr
nimmt ihm alle Furcht und enthüllt ihm den neuen Sinn seines Lebens:
Fürchte dich
nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Diese Worte sind
nicht nur an Petrus gerichtet. Jeder Christ ist Menschenfischer. Und auf dem
Meer der Welt - im Büro am Computer, hinter dem Pflug auf dem Acker, in der
Großstadt oder in einem kleinen Dorf, wo auch immer, dort sind die Laien
gefordert, »kraft der ihnen eigenen Berufung in der Verwaltung und der
gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen«8. »Auch
uns wird der Herr zu Werkzeugen machen, die Wunder zu wirken vermögen, große
Wunder sogar, wenn sie notwendig sind. Ich wage zu behaupten, daß es so sein
wird, wenn wir täglich kämpfen, uns zu heiligen, jeder in seinem eigenen Stand,
mitten in der Welt, in seinem eigenen Beruf, im Alltag.= 9 Petrus war Zeuge und
Nutznießer eines wunderbaren göttlichen Machterweises. Aber er war auch
Mitwirkender - und ebenso ist es im Leben eines Christen heute: es bedarf des
menschlichen Fachkönnens, kompetent mitzuwirken: Die Boote, die Segel, die
Ruder, die Netze bleiben unentbehrlich, und durch nichts anderes zu ersetzen
sind auch die Männer, die sie bedienen können. Jesus Christus nimmt niemandem
die Arbeit ab; er verwandelt auch nie Pfuscherei in Qualität. Wohl aber schenkt
er dem willigen demütigen Herzen und Verstand die Gesinnung, die Kraft, Gott und
den Mitmenschen zuliebe nicht pfuschen zu wollen, und so läßt er die menschliche
Arbeit fruchtbar werden.«9
Wir
würden es kaum wagen, vom
Menschen fangen zu
sprechen, wenn nicht Christus selbst es getan hätte. Hören wir Kardinal
Ratzinger dazu: »Hieronymus sagt, Fische aus dem Wasser herauszuziehen bedeute,
sie ihrem Lebenselement zu entreißen und sie dem Tod preiszugeben. Die Menschen
aber aus dem Wasser der Welt herauszuziehen bedeute, sie aus dem Todeselement
und aus der Nacht ohne Lichter herauszuziehen, ihnen die Atemluft und das Licht
des Himmels zu geben. Es bedeutet, sie ins Element des Lebens zu versetzen, das
zugleich Licht ist und Sehen der Wahrheit gibt. Licht ist Leben, denn das
Element des Menschen, wovon er im tiefsten lebt, ist die Wahrheit, die zugleich
Liebe ist. Der Mensch freilich, der im Wasser der Welt schwimmt, weiß dies nicht.
Deshalb wehrt er sich dagegen, aus dem Wasser herausgezogen zu werden. Er glaubt
sozusagen, ein gewöhnlicher Fisch zu sein, der sterben muß, wenn er dem Wasser
der Tiefe entrissen wird. In der Tat ist das ein Todesgeschehen. Aber dieser Tod
führt in das wahre Leben, in dem der Mensch erst wirklich zu sich selber kommt.
Jünger sein heißt sich von Jesus fangen lassen, von ihm, dem geheimnisvollen
Fisch, der ins Wasser der Welt, in die Wasser des Todes hinabgestiegen ist; der
selbst Fisch geworden ist, um sich zuerst von uns fangen zu lassen, uns Brot des
Lebens zu werden. Er läßt sich fangen, damit wir gefangen werden von ihm und den
Mut finden, uns mit ihm aus den Wassern unserer Gewohnheiten und
Bequemlichkeiten herausziehen zu lassen. Jesus ist Menschenfischer geworden
dadurch, daß er selbst die Nacht des Meeres auf sich genommen hat, selbst
hinabgestiegen ist in die Passion der Tiefe. Menschenfischer sein kann man nur,
wenn man wie er sich selbst daran gibt. Man kann es aber auch nur, wenn man sich
auf das Boot des Petrus verlassen darf.«10
III. Es
war das Boot,
das dem Simon gehörte. Im Verlauf des Geschehens wurde es klar:
»Christus ist der Herr dieses Bootes, er ist es, der den Fischfang vorbereitet:
dazu ist er in die Welt gekommen, daß seine Brüder den herrlichen Weg der Liebe
zum Vater finden.=
12 Jesus begann, vom Boot - vom Leben - jener Fischer Besitz zu ergreifen, die
noch nicht wußten, wie entscheidend jene Augenblicke waren. Er bat sie zuerst um
eine Kleinigkeit: ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann: Fahr hinaus auf den
See! Dort werf}eure Netze zum Fang aus!
Wieviele Gründe hätte Petrus gehabt, sich über die Bitte hinwegzusetzen! Aber er
verließ sich auf Jesus, auf seine Logik. Es war nur erst eine Ahnung von
Gehorsam; er konnte noch nicht wissen, daß dieser Jesus
für alle, die ihm gehorchen, der
Urheber des ewigen Heils ist13.
Bald wird ihn der Herr berufen, und dann wird er, zusammen mit den anderen, ihm
folgen: relictis
omnibus - er wird alles aufgeben. Die Vollgestalt des Gehorsams
erscheint, wenn Christus ruft. Das gilt für jeden Christen - bei aller
Unterschiedlichkeit persönlicher Situationen: Nachfolge Christi heißt Gehorchen
wollen.
Denken
wir jetzt an unsere eigene Lebenssituation und fragen wir uns, welchen
Stellenwert für uns der Gehorsam hat. »Wie kann der ich-verhaftete Mensch diese
Botschaft Christi überhaupt verstehen und sie befolgen? Er ist unfähig, sich
selbst loszulassen und zu verzichten. Er hat keine Zeit für den Nächsten und für
Gott, kein Brot für den Hungernden, keinen Platz für den Heimatlosen und
Asylsuchenden. Er hat keine Liebe.«14 Lassen wir uns vielleicht von
Scheinalternativen wie »Gehorsam oder Freiheit« blenden15.
Gehorchen
ist mit Horchen
verwandt - Hinhorchen auf die Wirklichkeit, wie sie ist, auf die Wahrheit der
Wirklichkeit sozusagen. »Freiheit ist Wahrheit. Ein Mensch ist frei, wenn er
ganz das ist, was er seinem Wesen nach sein soll. Freiheit ist die Weise, wie
einer ganz er selbst ist und zu allen Dingen im rechten Verhältnis steht. Zu
dieser Freiheit aber führt der Weg durch den Gehorsam.«16 Kein Wanderer fühlt
sich durch Wegweiser eingeschränkt, er begrüßt sie dankbar, da sie ihm
Sicherheit geben auf seinem Weg. Kein Bergsteiger empfindet das Seil, das ihn an
seine Kameraden bindet, als Fessel, gibt es ihm doch Halt. Die Liebe ist
Wegweisung für den Gehorsam, sie macht ihn frei.
Die
letzte Motivation christlichen Gehorsams ist »nicht eine
Idee, sondern ein
Akt,
nicht ein abstraktes Prinzip, sondern ein Ereignis«: die Menschwerdung Gottes in
Christus. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war
gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.17 Das Kreuz war der Gipfel eines
Lebens im liebenden Gehorsam.
Der Weg
des Gehorsams kann mühsam sein, rührt er doch an die tiefsten Schichten unseres
Wesens, aber er ist keine Schmälerung, sondern Bereicherung der Person. Daher
hat jemand sagen können, ihm sei folgende Einsicht als eine große Gnade zuteil
geworden, »daß der Glaube an die Kirche der Schritt in die wahre Ordnung, und
der Gehorsam gegen sie das Prinzip der wahren Freiheit ist«18.
»Bitte
Maria, Regina Apostolorum, die Königin der Apostel, um Entschlossenheit, damit
du das Verlangen teilst, das im Herzen ihres Sohnes lebt: ein Verlangen nach
Aussaat und nach Fischfang.«"
1
Lk
5,1-11. -
2
P. Berglar,
Petrus -
Vom Fischer zum Stellvertreter,
München 1991, S.57. -
3
ebd. -
4
J. Escrivá,
Freunde
Gottes,
261. -
5
ebd. -
6
J. Ratzinger,
Diener
eurer Freude,
Freiburg 1988, S.92. -
7
ebd., S.89. -
8
II. Vat. Konz., Konst.
Lumen
gentium,
31. -
9
J. Escrivá,
Freunde
Gottes,
262. -
10
P. Berglar, a.a.O., S.60. -
11
J. Ratzinger, a.a.O., S.97. -
12
ebd., S.260. -
13
Hebr
5, 8-9. -
14
Johannes Paul II.,
Ansprache
in Kevelaer,
2.5.1987. -
15
R. Guardini in:
Neue
Jugend und katholischer Geist,
20. -
16
vgl. R. Cantalamessa,
Das Leben
in Christus,
Graz 1990, S.278. -
17
Phil
2, 6-8 . -
18
R. Guardini,
Brief an
Pius XII. 1952.
-
19
J. Escrivá,
Freunde
Gottes,
273.
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