Francisco F. Carvajal's Webseite


Freitag, den 3. September 2010 


Meditationen für jeden Tag
Drucken - Massenmesswerte

Jahreskreis
22. Woche - Donnerstag

34

jesus im boot des simon

Ein wunderbarer Fischfang.
Menschenfischer in der Nachfolge Christi.
Der Lohn des Gehorsams.

I. Wahrscheinlich haben wir die Stelle des heutigen Evangeliums1 schon oft betrachtet, denn sie erhellt den Dreiklang von persönlicher Nachfolge, Gehorsam und apostolischem Zeugnis. Außerdem ist das, was in der Morgenfrische am See geschah, zugleich ein Bild für die Kirche im Heilsplan Gottes und für das spirituelle Leben des einzelnen Christen. Als Jesus am Ufer des Sees Gennesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören. Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Sie hatten vergeblich gefischt, nur Algen und umhertreibende Pflanzenreste mögen im Netz gewesen sein. Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Der Herr läßt ihn ein paar Ruderschläge tun, damit man ihn vom Boot aus leichter hören kann.

Entscheidende Gnaden haben oft eine lange Vorgeschichte. Jede Berufung kristallisiert sich allmählich heraus, die Nähe zu Jesus wächst, bis einem klar wird, daß er unser Bootsgefährte geworden ist. Für Petrus und die anderen Jünger war die Tatsache, daß Christus das Boot bestieg, nur der Anfang. »Bereits die Kirchenväter sahen in diesem Boot des Simon Petrus, das Jesus besteigt, ein vorweggenommenes Bild der künftigen Kirche, die als das >Schiff des Heils< die Meere der Weltgeschichte durchfahren wird. Aus diesem Schiff, das Petrus steuert, lehrt der Herr, aus keinem anderen. Wiewohl die anderen Boote, die es begleiten, nicht ausgenommen sind von seinen Lehren und auch nicht vom Fischfang.«2

Als Jesus seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus! »Man durfte das Netz nicht auf gut Glück auslegen, man mußte es - ein dreifaches, sehr langes Netz - langsam, so wie das Boot fuhr, in das Wasser gleiten lassen. Wenn sie an die vorgesehene Stelle gekommen waren, mußten sie sich nach dem Ausgangspunkt zurückwenden, sie schlugen mit dem Ruder auf das Wasser, um so die Fische aufzustören und in die Maschen des Netzes zu treiben.«3

Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen... »Die Antwort scheint vernünftig. Sie pflegten in den Nachtstunden zu fischen, und in jener Nacht war die Arbeit umsonst gewesen. Wie sollte man dann am Tag mehr erwarten? Doch Petrus glaubt: Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen (Lk 5,5). Er entschließt sich zu tun, was Christus ihn geheißen hat. Im Vertrauen auf das Wort des Herrn macht er sich an die Arbeit.«4 Er glaubt und gehorcht der Aufforderung des Herrn: Duc in altum! Fahr hinaus!

Jener Fischzug brachte eine überwältigende Beute. Simon mußte die Gefährten im anderen Boot zu Hilfe rufen, die Zebedäussöhne Jakobus und Johannes. Wir heute können leichter als die Apostel damals die Tragweite des Geschehens ermessen. Das schlichte Duc in altum, Fahr hinaus! ist - vom Glauben her gesehen - nicht nur etwas Anekdotisches, sondern es verweist auf das Hinauswachsen der Kirche in Raum und Zeit durch die Jahrhunderte. Auch das Mitwirken der Gefährten des Simon Petrus - in einem anderen Boot, aber nahe bei ihm und ihm zu Hilfe eilend - kann man in unserer Zeit intensiver Bemühungen um die Einheit der Christen als Zeichen deuten. Vor allem aber: aus gewöhnlichen Fischern werden Menschenfischer: »Auch bei dieser neuen Art des Fischfanges wird die göttliche Wirksamkeit nicht fehlen: Die Apostel sollen trotz ihrer persönlichen Armseligkeiten zu Werkzeugen vieler Großtaten werden.«5

II. Sie fingen eine so große Menge Fische, daß ihre Netze zu reißen drohten. »Als Petrus mit dem reichen Fischfang zurückkommt, geschieht etwas ganz Unerwartetes. Er fällt nicht, wie man meinen möchte, Jesus um den Hals ob des guten Geschäfts, sondern er fällt ihm zu Füßen. Er hält ihn nicht fest, um weiterhin einen Erfolgsgaranten zu haben, sondern er stößt ihn von sich ab, weil er sich vor der Macht Gottes fürchtet. >Geh weg, ich bin ein sündiger Mensch!< Wo Gott erfahren wird, erkennt der Mensch seine Sündigkeit, und dann erst, wenn er dies wirklich erkennt und anerkennt, erkennt er sich wirklich.«6 Diese persönliche Erfahrung auf dem See Gennesaret ist Petrus »zu einem inneren Weg geworden, dessen Erstreckung Lukas durch eine Rahmung mit zwei Wörtern andeutet. Der Evangelist überliefert uns nämlich, daß vor dem Fischfang Petrus den Herrn angeredet habe >Epistata<, was soviel wie Lehrer, Professor, Rabbi bedeutet. Zurückkehrend aber fällt er vor Jesus auf die Knie und sagt nicht mehr Rabbi zu ihm, sondern >Kyrie<, das heißt, er gebraucht die Gottesanrede für ihn. Petrus hatte den Weg vom Rabbi zum Herrn, vom Lehrer zum Sohn durchschritten.7

Der Herr nimmt ihm alle Furcht und enthüllt ihm den neuen Sinn seines Lebens: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Diese Worte sind nicht nur an Petrus gerichtet. Jeder Christ ist Menschenfischer. Und auf dem Meer der Welt - im Büro am Computer, hinter dem Pflug auf dem Acker, in der Großstadt oder in einem kleinen Dorf, wo auch immer, dort sind die Laien gefordert, »kraft der ihnen eigenen Berufung in der Verwaltung und der gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen«8. »Auch uns wird der Herr zu Werkzeugen machen, die Wunder zu wirken vermögen, große Wunder sogar, wenn sie notwendig sind. Ich wage zu behaupten, daß es so sein wird, wenn wir täglich kämpfen, uns zu heiligen, jeder in seinem eigenen Stand, mitten in der Welt, in seinem eigenen Beruf, im Alltag.= 9 Petrus war Zeuge und Nutznießer eines wunderbaren göttlichen Machterweises. Aber er war auch Mitwirkender - und ebenso ist es im Leben eines Christen heute: es bedarf des menschlichen Fachkönnens, kompetent mitzuwirken: Die Boote, die Segel, die Ruder, die Netze bleiben unentbehrlich, und durch nichts anderes zu ersetzen sind auch die Männer, die sie bedienen können. Jesus Christus nimmt niemandem die Arbeit ab; er verwandelt auch nie Pfuscherei in Qualität. Wohl aber schenkt er dem willigen demütigen Herzen und Verstand die Gesinnung, die Kraft, Gott und den Mitmenschen zuliebe nicht pfuschen zu wollen, und so läßt er die menschliche Arbeit fruchtbar werden.«9

Wir würden es kaum wagen, vom Menschen fangen zu sprechen, wenn nicht Christus selbst es getan hätte. Hören wir Kardinal Ratzinger dazu: »Hieronymus sagt, Fische aus dem Wasser herauszuziehen bedeute, sie ihrem Lebenselement zu entreißen und sie dem Tod preiszugeben. Die Menschen aber aus dem Wasser der Welt herauszuziehen bedeute, sie aus dem Todeselement und aus der Nacht ohne Lichter herauszuziehen, ihnen die Atemluft und das Licht des Himmels zu geben. Es bedeutet, sie ins Element des Lebens zu versetzen, das zugleich Licht ist und Sehen der Wahrheit gibt. Licht ist Leben, denn das Element des Menschen, wovon er im tiefsten lebt, ist die Wahrheit, die zugleich Liebe ist. Der Mensch freilich, der im Wasser der Welt schwimmt, weiß dies nicht. Deshalb wehrt er sich dagegen, aus dem Wasser herausgezogen zu werden. Er glaubt sozusagen, ein gewöhnlicher Fisch zu sein, der sterben muß, wenn er dem Wasser der Tiefe entrissen wird. In der Tat ist das ein Todesgeschehen. Aber dieser Tod führt in das wahre Leben, in dem der Mensch erst wirklich zu sich selber kommt. Jünger sein heißt sich von Jesus fangen lassen, von ihm, dem geheimnisvollen Fisch, der ins Wasser der Welt, in die Wasser des Todes hinabgestiegen ist; der selbst Fisch geworden ist, um sich zuerst von uns fangen zu lassen, uns Brot des Lebens zu werden. Er läßt sich fangen, damit wir gefangen werden von ihm und den Mut finden, uns mit ihm aus den Wassern unserer Gewohnheiten und Bequemlichkeiten herausziehen zu lassen. Jesus ist Menschenfischer geworden dadurch, daß er selbst die Nacht des Meeres auf sich genommen hat, selbst hinabgestiegen ist in die Passion der Tiefe. Menschenfischer sein kann man nur, wenn man wie er sich selbst daran gibt. Man kann es aber auch nur, wenn man sich auf das Boot des Petrus verlassen darf.«10

III. Es war das Boot, das dem Simon gehörte. Im Verlauf des Geschehens wurde es klar: »Christus ist der Herr dieses Bootes, er ist es, der den Fischfang vorbereitet: dazu ist er in die Welt gekommen, daß seine Brüder den herrlichen Weg der Liebe zum Vater finden.= 12 Jesus begann, vom Boot - vom Leben - jener Fischer Besitz zu ergreifen, die noch nicht wußten, wie entscheidend jene Augenblicke waren. Er bat sie zuerst um eine Kleinigkeit: ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann: Fahr hinaus auf den See! Dort werf}eure Netze zum Fang aus! Wieviele Gründe hätte Petrus gehabt, sich über die Bitte hinwegzusetzen! Aber er verließ sich auf Jesus, auf seine Logik. Es war nur erst eine Ahnung von Gehorsam; er konnte noch nicht wissen, daß dieser Jesus für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils ist13. Bald wird ihn der Herr berufen, und dann wird er, zusammen mit den anderen, ihm folgen: relictis omnibus - er wird alles aufgeben. Die Vollgestalt des Gehorsams erscheint, wenn Christus ruft. Das gilt für jeden Christen - bei aller Unterschiedlichkeit persönlicher Situationen: Nachfolge Christi heißt Gehorchen wollen.

Denken wir jetzt an unsere eigene Lebenssituation und fragen wir uns, welchen Stellenwert für uns der Gehorsam hat. »Wie kann der ich-verhaftete Mensch diese Botschaft Christi überhaupt verstehen und sie befolgen? Er ist unfähig, sich selbst loszulassen und zu verzichten. Er hat keine Zeit für den Nächsten und für Gott, kein Brot für den Hungernden, keinen Platz für den Heimatlosen und Asylsuchenden. Er hat keine Liebe.«14 Lassen wir uns vielleicht von Scheinalternativen wie »Gehorsam oder Freiheit« blenden15.

Gehorchen ist mit Horchen verwandt - Hinhorchen auf die Wirklichkeit, wie sie ist, auf die Wahrheit der Wirklichkeit sozusagen. »Freiheit ist Wahrheit. Ein Mensch ist frei, wenn er ganz das ist, was er seinem Wesen nach sein soll. Freiheit ist die Weise, wie einer ganz er selbst ist und zu allen Dingen im rechten Verhältnis steht. Zu dieser Freiheit aber führt der Weg durch den Gehorsam.«16 Kein Wanderer fühlt sich durch Wegweiser eingeschränkt, er begrüßt sie dankbar, da sie ihm Sicherheit geben auf seinem Weg. Kein Bergsteiger empfindet das Seil, das ihn an seine Kameraden bindet, als Fessel, gibt es ihm doch Halt. Die Liebe ist Wegweisung für den Gehorsam, sie macht ihn frei.

Die letzte Motivation christlichen Gehorsams ist »nicht eine Idee, sondern ein Akt, nicht ein abstraktes Prinzip, sondern ein Ereignis«: die Menschwerdung Gottes in Christus. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.17 Das Kreuz war der Gipfel eines Lebens im liebenden Gehorsam.

Der Weg des Gehorsams kann mühsam sein, rührt er doch an die tiefsten Schichten unseres Wesens, aber er ist keine Schmälerung, sondern Bereicherung der Person. Daher hat jemand sagen können, ihm sei folgende Einsicht als eine große Gnade zuteil geworden, »daß der Glaube an die Kirche der Schritt in die wahre Ordnung, und der Gehorsam gegen sie das Prinzip der wahren Freiheit ist«18.

»Bitte Maria, Regina Apostolorum, die Königin der Apostel, um Entschlossenheit, damit du das Verlangen teilst, das im Herzen ihres Sohnes lebt: ein Verlangen nach Aussaat und nach Fischfang.«"

1 Lk 5,1-11. - 2 P. Berglar, Petrus - Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.57. - 3 ebd. - 4 J. Escrivá, Freunde Gottes, 261. - 5 ebd. - 6 J. Ratzinger, Diener eurer Freude, Freiburg 1988, S.92. - 7 ebd., S.89. - 8 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 31. - 9 J. Escrivá, Freunde Gottes, 262. - 10 P. Berglar, a.a.O., S.60. - 11 J. Ratzinger, a.a.O., S.97. - 12 ebd., S.260. - 13 Hebr 5, 8-9. - 14 Johannes Paul II., Ansprache in Kevelaer, 2.5.1987. - 15 R. Guardini in: Neue Jugend und katholischer Geist, 20. - 16 vgl. R. Cantalamessa, Das Leben in Christus, Graz 1990, S.278. - 17 Phil 2, 6-8 . - 18 R. Guardini, Brief an Pius XII. 1952. - 19 J. Escrivá, Freunde Gottes, 273.



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