Jahreskreis
21. Woche - Freitag
26
vom licht auf dem weg
Mahnungen
zur Wachsamkeit.
Der Bräutigam, die Braut und das Himmelreich.
Klug sein und nicht töricht.
I. Wir hören in diesen Tagen Mahnungen und Gleichnisse Jesu während seines letzten Besuches in der heiligen Stadt. Die Auseinandersetzung mit den Feinden hat sich nach der Auferweckung des Lazarus zugespitzt. Die Prophezeiung vom kommenden Messias hat sich mit dem Einzug in Jerusalem erfüllt. Bald werden sich die anderen prophetischen Worte vom leidenden Gottesknecht1 bewahrheiten. Die Passion naht, Jesus weiß es. »Wie soll man die Haltung Jesu während dieser Tage ausdrücken? Was tut er eigentlich? Kämpft er? Sicher gibt er nichts preis. Bis zuletzt hält er seinen Anspruch aufrecht. Bis zuletzt sogar die Möglichkeit, daß er gehört werden könne. Immer noch kann das Reich kommen. Die führenden Persönlichkeiten können ihn noch aufnehmen; das Volk kann sich ihm zuwenden. Er sieht aber auch, daß tatsächlich die Entscheidung gefallen ist, und sein Weg in den Tod führt. Er kämpft nicht, um das Volk auf seine Seite zu bringen oder dessen Führer zu gewinnen; zieht sich aber auch nicht in eine bloße Bereitschaft zurück, die auf das Schicksal wartet. Was tut eigentlich Jesus?
Es ist wohl nicht anders auszudrücken: Er bringt das Aufgetragene zu Ende. Immer wieder sagt er, was gesagt werden muß. Immer aufs neue bezeugt er, worum es geht.«2
Schauen wir auf ihn, während er spricht. Was will er uns in diesen letzten Stunden seiner Verkündigung lehren? Gestern stand am Anfang die Mahnung: Seid wachsam! Denn ihr wißt nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.3 Der Knecht wurde selig genannt, der Tag für Tag seinen Dienst tut, ohne zu wissen, wann sein Herr heimkehren wird. Dieser wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen. Heute steht die gleiche Mahnung am Ende: Seid also wachsam! Denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde.4
Alles, was wir gestern betrachteten, ließe sich heute wiederholen. Aber jedes Gleichnis hat eigene Nuancen. Das heutige von den zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen, wird die Zuhörer an eine der Hochzeitsfeiern im Dorf erinnert haben. »Nach jüdischer Sitte wurde ein Mädchen mit zwölfeinhalb Jahren als heiratsfähig betrachtet. Der Heirat mußte aber noch die Verlobung vorausgehen, die ein ganzes Jahr dauerte. Gewöhnlich erfolgte die Einholung der Braut am Abend des ersten Festtages. Der Bräutigam zog mit seinen Familienangehörigen und Freunden in festlichem Gewande und mit dem Turban auf dem Haupt zum Hause der Braut. Dort wurde er von den Freundinnen der Braut, die dem nahenden Bräutigam entgegengingen, empfangen.«5 Die bekannte Situation wird durch eine kleine Änderung gleichsam verfremdet. Jesus erzählt nicht von der Hochzeit selbst, sondern richtet die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf den sicherlich ungewöhnlichen Umstand, daß der Zug des Bräutigams sich verspätet. Wie verhalten sich die Freundinnen der Braut? Da wurden sie alle müde und schliefen ein. Das Schlafen dient dem Kräftesammeln. Aber es heißt: fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Worin liegt der Unterschied? Alle hatten sich vom Schlaf überwältigen lassen. Aber die einen hatten vorgesorgt und außer den Lampen noch Öl in Krügen mitgenommen.
Wir ahnen, was der Herr uns, die wir jetzt sein Wort betrachten, sagen will. Auch wenn wir gelegentlich einschlafen und in unserer Aufmerksamkeit nachlassen: Ist unsere Grundeinstellung so, daß wir ihm freudig entgegengehen können, wenn er mitten in unserer Nacht erscheint?
II. Die Lichter, die die zehn Freundinnen der Braut in Händen tragen, verstärken das Bild freudiger Erwartung. Wie sollen wir uns diese Lichter vorstellen? Man denkt sofort an die kleinen tönernen Öllämpchen, wie man sie zu Tausenden bei Ausgrabungen und in alten Gräbern gefunden hat. Doch ein solches Öllämpchen ist für den Gebrauch außerhalb des Hauses völlig ungeeignet, weil es schon bei leichtem Luftzug erlischt. Es handelt sich bei den im Gleichnis erwähnten »lampades« um »Fackeln« wie sie bei orientalischen Hochzeitszügen üblich waren. Es sind lange Stangen, um deren oberes Ende große, mit Olivenöl getränkte Lappen gewickelt sind. Da diese Fackeln nur eine kurze Brenndauer haben, müssen sie immer wieder mit Öl getränkt werden; da»um wird in einem kleinen Krug Öl zum Nachgießen mitgeführt.
Mitten in der Nacht hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Betend stellen wir uns die zwei Züge vor, die aufeinander zugehen, und vergegenwärtigen uns ähnliche Worte des Täufers Johannes und unseres Herrn in anderem Zusammenhang. Johannes hatte sich einmal in den Zug des Bräutigams eingereiht6 - als Gesandter, der ihm vorausgeht, und als Freund des Bräutigams, der dabei steht und ihn hört und sich freut über die Stimme des Bräutigams. Er hatte verdeutlichen wollen, daß er nur der Wegbereiter des Messias war: Wer die Braut hat, ist der Bräutigam. Christus selbst bekräftigte diese Selbsteinschätzung seines Wegbereiters, als er sagte: Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist?7 Der Bräutigam und die Braut: Christus und die Kirche - aber auch Christus und der einzelne, denn der Apostel Paulus stellt nicht nur die Kirche, sondern auch »jeden Gläubigen, der Glied des Leibes Christi ist, als eine Braut dar, die er Christus dem Herrn >verlobt< hat, damit sie ein Geist mit ihm sei.«8
Mit dem Himmelreich wird es sein wie mit zehn Jungfrauen... Es ist mehr als nur eine Vorstellung, wenn wir uns in diesen Zug eingereiht sehen, denn wir haben tatsächlich den Ruf zur Nachfolge gehört und seitdem unsere Lampen gerichtet. Die Nähe des Reiches Gottes, die Jesus schildert, »besteht vor allem in der Tatsache, daß Gott gekommen und Mensch geworden ist. Er ist nahe in Christus; er ist nahe durch Christus, in ihm ist tatsächlich das Reich uns so nahe, daß es in gewissem Sinn schwierig wird, sich eine größere und innigere Nähe vorzustellen. Kann Gott dem Menschen näher sein als durch seine Menschwerdung? Obwohl so nahe in Christus, unserem Herrn und Erlöser, steht das Reich Gottes immer dem Menschen gegenüber. Es wird den Menschen als eine Aufgabe, die erfüllt, ein Ziel, das erreicht werden muß, vorgestellt.«9 Man kann sich ihm beharrlich nähern oder sich von ihm entfernen, seine Nähe in sich selbst erfahren oder sie verblassen lassen, ja, man kann sich ihm sogar entgegenstellen. Was sind die brennenden Fackeln anders als ein Bild für das Licht im Innern, das man braucht, um den Weg nicht zu verfehlen?
Deshalb werden die einen klug, die anderen töricht genannt. Es geht um die Art des Wartens und darum, ob man nur eine Zeitlang wartet und dann alles vergißt; oder ob man in einer ständigen Erwartungshaltung lebt. Jeder weiß, daß die Zeit vergeht, aber sie vergeht nicht sinn- oder ziellos. Also heißt es Vorsorge treffen für den entscheidenden Augenblick. Die klugen Jungfrauen hatten für Ölvorrat gesorgt und konnten so dem Zug entgegenlaufen. Die törichten stellten erschrocken fest - der Zug war schon in Sichtweite -, daß ihr Öl zur Neige ging. Welches Öl? Ohne die Leuchtkraft des Glaubens, die Beständigkeit der Hoffnung und die Sehnsucht der Liebe dringt Dunkelheit von außen in die Seele ein.
III. Nehmen wir den Faden des Gleichnisses nochmals auf. Was tun die törichten Jungfrauen? Nachdem sie den Ruf vernommen haben, beginnen sie mit Vorbereitungen für den Empfang des Bräutigams; sie gehen Öl kaufen. Aber ihr Entschluß kam reichlich spät: Während sie noch unterwegs waren, kam der Bräutigam, und die bereit waren, zogen mit ihm zur Hochzeitsfeier ein, und die Tür wurde zugeschlossen. Endlich kamen auch die übrigen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! »Nicht, daß sie ganz untätig geblieben wären, etwas hatten sie wohl versucht... Und doch die harte Antwort: Ich kenne euch nicht. Sie konnten oder wollten sich nicht mit dem nötigen Eifer vorbereiten, sie unterließen es, vernünftig vorzusorgen und rechtzeitig Öl zu kaufen. Es fehlte ihnen an Großzügigkeit, um das wenige, das ihnen aufgetragen war, zu erfüllen. Sie hatten viel Zeit gehabt und sie nicht genutzt.«10
Wie aber klug und nicht töricht sein? Indem wir Glaube, Hoffnung und Liebe immer wieder verlebendigen. Der Glaube macht uns bereit, »Christus vor den Menschen zu bekennen und ihm in den Verfolgungen, die der Kirche nie fehlen, auf dem Weg des Kreuzes zu folgen«,11 die Hoffnung verleiht der Seele das sehnsüchtige Verlangen, »in der Herrlichkeit des Himmels mit Christus, ihrem Bräutigam, vereint zu sein«12. Und die Liebe? Sie formt diese zwei und alle anderen Tugenden, denn sie ist am größten unter ihnen und hört niemals auf, auch dann nicht, wenn wir von Angesicht zu Angesicht schauen werden.13 Die drei göttlichen Tugenden setzen das Ziel unseres Lebens gegenwärtig, solange wir unterwegs sind und in der Zeit leben, sozusagen noch Zeit haben. Sucht sein Antlitz allezeit!14 »Nicht mit den Schritten der Füße wird Gott gesucht, sondern mit Schritten der Sehnsucht.«15 Die Sehnsucht wird durch Stoßgebete des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe entfacht, durch das ernsthafte Bemühen, Zeiten der persönlichen Meditation zu halten.
Fragen wir uns mit dem seligen Josemaria: »Warum finden wir manchmal nicht die paar Minuten, die noch fehlen, um unsere Arbeit, das Mittel unserer Heiligung, in Liebe zu vollenden? Warum vernachlässigen wir unsere Pflichten in der Familie? Warum haben wir es beim Beten oder beim heiligen Meßopfer so eilig? Warum lassen wir es an Gelassenheit und Ruhe fehlen, wenn es um die Pflichten unseres eigenen Standes geht, verweilen dann aber lange bei kapriziösen Einfällen? Ihr könntet einwenden: das sind doch nur Kleinigkeiten. Ja, wirklich: aber diese Kleinigkeiten sind das Öl, unser Öl, das die Flamme nährt und das die Liebe brennen läßt.«16
Ohne Gebet ist es unmöglich, Christus nachzufolgen. Man flieht dann bald das Opfer, sucht persönliche Befriedigung auf Kosten des Nächsten, igelt sich im Egoismus ein. Das Gespür, daß auch die läßliche Sünde Gott beleidigt, geht allmählich verloren, denn »die Seele geht nicht von Gott fort, indem sie sich von einem Ort an einen anderen versetzt oder Schritte mit ihren Füßen tut, sondern sie geht fort, wie es einem geistigen Wesen eigen ist, sich zu bewegen: indem sie sich mit ihrer Zuneigung oder besser mit ihrer Abneigung von sich selbst weg auf etwas Schlechteres hin wendet. Sie wird dann durch ihr verkehrtes Leben und Verhalten sich selbst unähnlich und läßt sich verkommen.«17, Es wird dann allmählich dunkel im Herzen des Menschen, das gottgeschenkte Licht fängt zu flackern an und erlischt schließlich. Man steht da ohne Licht für sich selbst und ohne Licht fürJene, die vielleicht auf unser erhellendes gutes Beispiel gewartet haben. Vielleicht werden wir hier und dort jemanden nachdenklich machen können mit unserer brennenden Lampe, die zur Leuchte wird für andere..
»Es wird der Tag kommen, der unser letzter ist. Wir fürchten uns nicht vor ihm, denn im festen Vertrauen auf die Gnade Gottes halten wir uns von nun an bereit, dem Herrn mit brennenden Lampen entgegenzugehen, mit Hingabebereitschaft, mit Starkmut, mit einer Liebe, die sich in den kleinen Dingen äußert. Es erwartet uns ja das große Fest im Himmel.«18
1 vgl. Jes 42,1-9; 49,1-9; 50,4-9; 52,13-53,12. - 2 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.371. - 3 Mt 24,42. - 4 Mt 25,1-13. - 5 G. Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S.181. - 6 vgl. Joh 3,29. - 7 Mk 2,19. - 8 Katechismus der Katholischen Kirche, 796. - 9 Johannes Paul II., Predigt in Lissabon, 14.5.1982. - 10 J. Escrivá, Freunde Gottes, 41. - 11 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 42. - 12 Katechismus der Katholischen Kirche, 1821. - 13 vgl. 1 Kor 13,13.8.12. - 14 Ps 105,4. - 15 Bernhard von Clairvaux, Predigten zum Hohenlied, 84,1. - 16 J. Escrivá, Freunde Gottes, 41. - 17 Bernhard von Clairvaux, a.a.O., 83.2. - 18 ebd. 40.