Francisco Fernández Carvajal's Webseite


Freitag, den 3. Juli 2009 


Meditationen für jeden Tag
Drucken - Massenmesswerte

JAHRESKREIS
13. WOCHE - FREITAG

8

Ein gastmahl mit zöllnern und sündern

Zeichen der Liebe zu Gott und zum Nächsten.
Der Sinn um Verzicht und Entsagung.
Ein weites Feld.

I. Das heutige Evangelium1 schildert die Berufung des Matthäus und ihre Nachwirkungen. »Von sich selbst redet der Evangelist; die Geschichte seines eigenen bitteren und seligen Erfahrens ist es, die er berichtet.«2 Jesus sah ihn am Zoll sitzen und sagte Zu ihm: Folge mir nach! Da stand Matthäus auf und folgte ihm.

»Der Zöllner oder Steuereinnehmer war eine böse Gestalt im römischen Reich. Eine staatliche Behörde gab es nicht; vielmehr wurde die Eintreibung für jede Provinz einem privaten Unternehmer verpachtet, der den Eingang der festgesetzten Summe verbürgte. Dafür war ihm den Steuerpflichtigen gegenüber freie Hand gegeben. Was er forderte, war oft ein Vielfaches jener Summe, und er hatte das Recht der Vollstreckung. Seine Befugnis gab er dann in der Regel für kleinere Bezirke an Untereinnehmer weiter, die ebenfalls für ihre Tasche sorgten. Die Eintreibung geschah mit unbarmherziger Härte, und das Ganze war oft nichts anderes als ein gesetzlich gestütztes Raubsystem.«3

Verständlich daher das Staunen der Pharisäer darüber, daß sich Jesus auf einen solchen Menschen einließ, verständlich ebenso ihr Befremden als Zaungäste bei jenem ungewöhnlichen Gastmahl. Aber verständlich auch, daß Matthäus jene weitreichende Begegnung feiern wollte, und mit wem sonst hätte er die Freude teilen sollen als mit seinen Freunden und Genossen?

Die Pharisäer sind entrüstet: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Sünder waren in den Augen der Pharisäer alle, die die jüdischen Gebräuche nicht genau beobachteten und beispielsweise wie die Zöllner mit Heiden verkehrten. Der Herr antwortet schlicht: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Es ist, als sagte er den Lästerern: »Also prüfet euch wohl, ob ihr >Gerechte< sein wollt! In diesem Falle bin ich nicht zu euch gekommen! Soll ich zu euch gekommen sein, so erkennt, daß ihr Sünder seid - und worin ist dann noch ein Unterschied zwischen euch und jenen?«4

Viele, die sonst genaue Beobachter des Gesetzes waren, hatten das Gespür dafür verloren, daß eine äußere Opferhandlung nur dann wertvoll ist, wenn sie eine innere Opferhaltung ausdrückt. Mit anderen Worten: wenn Liebe sie trägt. Der Herr erwähnt das Wort des Propheten Hosea: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer5. Ein anderes Mal erinnert er an die Klage Gottes durch Jesaja über das Volk, das sich mir nur mit Worten nähert und mich bloß mit den Lippen ehrt, sein Herz aber fernhält von mir6.

Jesu Replik auf die Kritik der Pharisäer rechtfertigt nicht nur seine Anwesenheit beim Gastmahl, sondern nimmt vor allem die Gäste des Matthäus in Schutz. Die Kritiker hatten sich von ihnen nicht lediglich distanziert, sondern selbstgerecht, hartherzig und verständnislos reagiert. Ihre Achtung vor dem Gesetz war in sich lobenswert; sie war aber auch unfruchtbar, weil sie sich nicht vorstellen konnten, daß Menschen, denen das Gesetz nicht so vertraut war wie ihnen, auch gut sein und Gutes tun könnten. Wie leicht hätten sie Entschuldigungsgründe finden können, wenn sie nicht nur auf das Äußere geachtet hätten!

II. Menschen, die im christlichen Glauben fest verwurzelt sind, zeigen ein anderes Empfinden. Ihrem äußeren Tun muß eine innere Überzeugung entsprechen. Eine Bemerkung des seligen Josemaría Escrivá mag dies verdeutlichen: »Ich ziehe die Tugenden den Kasteiungen vor - so, wenn auch mit anderen Worten, spricht Jahwe zum auserwählten Volk, das sich allzuleicht mit äußeren Riten begnügte und damit selbst betrog. Wir müssen deshalb der Buße und der Abtötung in unserem täglichen Leben den richtigen Stellenwert geben. Sie sind wahre Zeichen der Liebe zu Gott und zum Nächsten.«7

Der Alltag bietet viele Gelegenheiten zu kleinen Überwindungen, die man Gott darbringen kann. Wenn es gelingt, sie im Inneren zu verankern, sind sie Ausdruck der Gottes- und Nächstenliebe: »Ein wahres Opfer ist jegliches Werk, das getan wird, um in heiliger Gemeinschaft Gott anzuhangen.«8

Auf böse Begierden nicht einzugehen und egoistische Neigungen zu unterlaufen hat auch außerhalb des unmittelbar Religiösen einen Sinn, etwa zur Selbstvervollkommnung oder zum besseren Gelingen des menschlichen Miteinander. Für einen Christen jedoch bedeuten Askese und Verzicht mehr; sie sind Haltungen, »die stufenweise dazu führen, im Frieden und in der Freude der Seligpreisungen zu leben«9.

Die Askese sichert die Herrschaft über alles, was dem Menschen dienen soll: Geld, Besitz, Arbeit und Freizeit. Es geht nicht bloß darum, Maßlosigkeiten zu meiden, sondern es geht um eine innere Freiheit, die Raum schafft für das übernatürliche Leben in der Seele.

Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer... Diese Worte sprengen die Enge reiner Äußerlichkeit. Sie lenken beispielsweise den Blick auf die schwierigen charakterlichen Eigenschaften eines Familienangehörigen oder eines Berufskollegen, sie schärfen das Fingerspitzengefühl im Umgang miteinander.

Das heutige Evangelium deutet an, daß den Pharisäern nicht nur die rechte Einstellung gegenüber Gott fehlte; sie stießen sich auch an der Eigenart der Gäste und waren unfähig, auf sie einzugehen.

Die guten Eigenschaften anderer Menschen zu akzeptieren, dafür ist keine besondere Anstrengung nötig; schwieriger wird es bei ihren Fehlern und Unarten. Und doch ist dieses Bemühen so wichtig! Wie segensreich kann ein schlichtes, ehrliches Lächeln sein, wie schonend das Hinwegsehen über eine störende Angewohnheit! »Soll eine Freundschaft dauern, dann muß eine Wachsamkeit über ihr sein; etwas, das sie in Hut nimmt. Jeder muß dem Anderen Raum geben, der zu sein, der er eben ist; jeder sich der eigenen Fehler bewußt werden und die des Anderen mit den Augen der Freundschaft sehen. Das zu wollen und es gegen die Empfindlichkeit, Trägheit, Enge der eigenen Natur durchzusetzen, ist (...) Askese.«10

Neben den Abtötungen, die wir uns selbst auferlegen, gibt es solche, die unerwartet kommen. Manche können eine große innere Kraft erfordern, eine schwere Krankheit etwa, eine heikle Situation in der Familie, die Not der Arbeitslosigkeit. Andere Male sind es nur winzige Dinge. Aber gerade sie verdienen unsere Aufmerksamkeit; denn sie sind so alltäglich, daß man so ohne weiteres gar nicht daran denkt, sie Gott aus Liebe aufzuopfern. Gelingt uns das jedoch, nachdem wir die anfängliche innere Abneigung überwunden haben, dann finden wir auch inmitten solcher Kleinigkeiten Frieden und Freude. Widersetzen wir uns hingegen dem, was sich in der konkreten Situation als Gottes Willen zeigt, bleibt die Seele aufgewühlt, traurig oder verharrt sogar in stummer Rebellion.

Die beruflichen Pflichten sind ein weiteres Feld der Selbstüberwindung. Wie viele kleine Abtötungen sind erforderlich, um wirklich gewissenhaft zu arbeiten und dem Schlendrian, dem Hingepfuschten oder der Fahrlässigkeit vorzubeugen! Eine sogenannte undankbare Aufgabe, die gleich erledigt wird, Finessen der Ordnung oder der Pünktlichkeit, die Hilfe, die man einem Kollegen leistet - alles kann zu einem Erweis der Liebe werden.

III. Wie bei jedem guten Tun des Menschen sind kleine Abtötungen verdienstlich, »weil Gott in Freiheit verfügt hat, den Menschen mit seiner Gnade mitwirken zu lassen. Ausgangspunkt für dieses Mitwirken ist immer das väterliche Handeln Gottes, das den Anstoß für das freie Handeln des Menschen gibt, so daß die Verdienste für gute Werke in erster Linie der Gnade Gottes und erst dann dem Glaubenden zuzuschreiben sind.«11 Gelegenheiten zu Verzicht und Entsagung finden wir nicht erst in gefährlicher Nähe zur Sünde, sondern bereits im weiten Feld des Erlaubten; denn es geht nicht darum, Gott lediglich nicht zu beleidigen, sondern ihn zu lieben. Wer Gott liebt, begreift, daß die Worte des Apostels Paulus über das Kreuz auch für das gesuchte oder auferlegte Opfer gelten: Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.12

Die Liebe zum Herrn bewegt uns also, Vorstellung und Erinnerung in Zaum zu halten, unnütze Gedanken zu meiden, die Sinnlichkeit zu zähmen, dem egoistischen Hang zum totalen Wohlbefinden nicht nachzugeben. In der Kraft der Selbstüberwindung kann es uns gelingen, schon morgens beim Aufstehen die Trägheit zu überwinden, die Arbeit rechtzeitig zu beginnen, beim Essen und Trinken maßvoll zu sein, die schlechte Laune zu beherrschen, im Gespräch freundlich und aufmerksam zu bleiben, wenn wir ungeduldig werden möchten.

Manche Abtötung ergibt sich aus einer einmaligen Situation. Das Leben in der Gegenwart Gottes hilft uns, sie rechtzeitig zu erkennen. Andere werden zu gewohnten Abtötungen, weil eine Situation sich wiederholt. Dabei sind die Selbstüberwindungen besonders wichtig, die auf eine bessere Erfüllung unserer Pflichten gegenüber Gott und dem Nächsten zielen. Natürlich müssen wir auch damit rechnen, daß es uns trotz unseres guten Willens nicht ständig gelingt, die Abtötungen, die wir uns vorgenommen haben, auch konsequent zu praktizieren. Manchmal kann es helfen, sich etwas kurz zu notieren, um es im Lauf des Tages durchzugehen und bei der abendlichen Gewissenserforschung zu prüfen. Dies kann auch eine gute Gelegenheit sein, den Schutzengel um Hilfe zu bitten.

Solche kleinen Verzichte und Überwindungen im Lauf des Tages sind keine Willensakrobatik. Sie sind - wenn sie aus dem Herzen kommen - Ausdruck des Willens, Christus gleichförmig zu werden und sein Wort ernst zu nehmen: Wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.13

1 Mt 9,9-13. - 2 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S. 57. - 3 ebd. - 4 ebd., S. 58. - 5 Hos 6,6. - 6 Jes 29,13. - 7 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 992. - 8 Augustinus, Gottesstaat, 10,6. - 9 Katechismus der Katholischen Kirche, 2015. - 10 R. Guardini, Tugenden, Mainz 1987, S. 87. - 11 Katechismus der Katholischen Kirche, 2008. - 12 1 Kor 1,18. - 13 Mt 10,39.



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