|
|
JAHRESKREIS
16. WOCHE - DONNERSTAG
34
brunnen
und Zisternen
Lebenspendendes Wasser.
Die Sünde - die folgenschwerste Täuschung im Leben.
Der Kampf gegen die Sünde.
I. Die
Wanderung durch die Wüste zum Land der Verheißung hat die Geschichte des
jüdischen Volkes geprägt und ist zum Symbol für das menschliche Leben geworden.
Wir sind gewissermaßen alle Nomaden, den Entbehrungen der Wüste ausgesetzt,
dabei von Sehnsucht nach Ankommen und Erfüllung getrieben. Für Nomaden sind die
Oasen in der Wüste wertvoller als Edelsteine am Rande des Weges. Das Wasser,
sonst im Überfluß vorhanden, wird hier zum ersehnten Schatz, für den es sich bei
aller Erschöpfung lohnt weiterzugehen.
Das Bild
vom Wasser begegnet uns immer wieder in der Heiligen Schrift, und zwar in seiner
doppelten Bedeutung: als Symbol des Lebens und als Symbol des Todes,
lebenspendend und todbringend. Der Gerechte, der nicht auf dem Weg der Sünder
geht (...), sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, (...) ist wie ein Baum,
der an Wasserbächen gepflanzt ist, fruchtbar und reich an innerer Kraft, so daß
seine Blätter nicht welken1.
Jesus
greift diese Bilder auf. Im Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen2
schimmern Sehnsucht und Unwissenheit eines bedürftigen Menschen durch: Jesus
kann lebendiges Wasser geben. Aber: Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes
besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du
ihn gebeten...
Besonders
eindrucksvoll ist die Art und Weise, wie Jesus beim Laubhüttenfest, das eine
ganze Woche dauerte und an den Wüstenzug erinnerte, das rituelle Geschehen der
Wasserspende auf sich bezieht: »Jeden Morgen zog bei Tagesanbruch feierlich eine
Prozession von dem Teiche Schiloach zum Tempel. Ein Priester trug die goldene
Kanne mit dem Wasser, das er aus dem Teiche geschöpft hatte. Am Tempeleingang
wurde die Prozession feierlich mit drei Trompetenstößen begrüßt. Das Wasser
wurde zusammen mit dem Trankopfer auf dem Altar ausgegossen. (...) Am letzten
Tage, dem höchsten Festtage, war es den Israeliten gestattet - es war das
einzige Mal im ganzen Jahr -, den Priestervorhof zwischen Tempelhaus und Altar
zu betreten. In feierlicher Prozession umzogen die Männer siebenmal den mit
Weiden umstellten Altar und erbaten von Gott Regen für das trockene Land.
Während dieser Prozession goß der Hohepriester mit erhobener Hand das Wasser auf
den Altar, das er bei Sonnenaufgang aus dem Teiche Schiloach geschöpft hatte.«3
Vor diesem Hintergrund ahnen wir etwas vom Geheimnis der Worte des Herrn: Wer
Durst hat komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt Wie die Schrift sagt:
Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasserfließen.4
Das
Wasseropfer erinnerte an das Wort des Jesaja: Ihr werdet Wasser schöpfen voll
Freude aus den Quellen des Heils.5 Die Liturgie und manche Kirchenväter sehen
diese Quelle des Heils aus der geöffneten Seite Christi hervorquellen: Aus
seiner geöffneten Seite strömen Blut und Wasser, aus seinem durchbohrten Herzen
entspringen die Sakramente der Kirche.6
»Geheimnisvoll ist das Wasser; klar, schlicht, selbstlos. Bereit, rein zu
waschen, was beschmutzt ist; zu erquicken, was dürstet. Und zugleich
unergründlich, ruhelos, voll Gewalt und Rätsel; niederlockend in den Untergang.
Gleichnis der Urgründe, aus denen das Leben strömt und der Tod ruft.«7 In
Christus wird es zum Gleichnis des Todes - unseres Todes durch die Sünde - und
des Lebens - unseres Lebens in ihm.
II. Die
Wanderung durch die Wüste war für das Volk Israel eine Zeit der Bewährung, das
seßhafte Leben im verheißenen Land eine Zeit des Vergessens: Mein Volk hat
doppeltes Unrecht verübt: Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen
Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht
halten.8 Aber Gott sandte immer wieder Mahner, die das Volk zu Besinnung und
Umkehr riefen.
Und die
heutige Zeit, unsere Zeit, in der der Ruf Gottes, uns in ihr zu bewähren, an uns
ergangen ist? Sie ist so offen und so verschlossen, so reich und so arm wie eh
und je: »Mit welch bewundernswürdigen Anstrengungen (...) suchen unsere
Zeitgenossen die menschlichen Fähigkeiten auszuweiten, die Gott ihnen gegeben
hat, und bessere Lebensbedingungen für sich und für die anderen zu schaffen!
Doch schwierig bleibt es, diese Welt vom Elend ihrer Sünde zu überzeugen und vom
Heil, das Gott ihr unaufhörlich in der durch die Erlösung erworbenen Versöhnung
anbietet.«9 Denn »heute ist sogar der Sinn für die Sünde teilweise abhanden
gekommen, weil man den Sinn für Gott verliert. (...) Die Gewissen haben sich
verdunkelt, wie nach der ersten Sünde, und unterscheiden nicht mehr das Gute und
das Böse. Viele wissen nicht mehr, was Sünde ist, oder wagen es nicht mehr zu
wissen, so, als ob ein solches Wissen ihre Freiheit beeinträchtigen würde.«10
Das
alttestamentliche Bild vom Volk, das mit dem seichten Wasser aus rissigen
Zisternen seinen Durst zu stillen sucht, wird zu einem Bild für den in Sünde
verstrickten Menschen. Denn durch die Sünde »wendet sich der Mensch von Gott,
seinem letzten Ziel und seiner Seligkeit, ab und zieht ihm ein minderes Gut
vor«11. Warum die Todsünde das übernaturliche Leben verwirkt, läßt sich nur im
Licht der göttlichen Offenbarung erkennen. Ohne dieses Licht ist man versucht,
»Sünde lediglich als eine Wachstumsstörung, eine psychische Schwäche, einen
Fehler oder als die notwendige Folge einer unrichtigen Gesellschaftsstruktur zu
erklären. Nur in Kenntnis dessen, wozu Gott den Menschen bestimmt hat, erfaßt
man, daß die Sünde ein Mißbrauch der Freiheit ist, die Gott seinen
vernunftbegabten Geschöpfen gibt, damit sie ihn und einander lieben können.«12
Die Sünde
ist die folgenschwerste Täuschung im menschlichen Leben, der vergebliche
Versuch, einen unbändigen Durst an seichten Wassern zu stillen. Sie versteppt
die Seele, die mit dem Verlust der heiligmachenden Gnade harsch und öde wird:
»Wer gläubig ist und sündigt, ist notwendigerweise unglücklich und freudlos,
auch wenn er irdisches Wohlergehen in Fülle besitzt.
Es
stimmt: Wir sollen die Sünde - auch die läßliche Sünde - vor allem aus
übernatürlichen Gründen verabscheuen: weil Gott sie in seiner Vollkommenheit
notwendigerweise und im höchsten Maß auf ewig verabscheut, da sie das Böse ist,
das sich der unendlichen Güte entgegenstellt; jedoch kann auch die erste
Überlegung, die ich dir nannte, hilfreich sein und zu der zweiten hinführen.«13
Sind
Menschen, die sich nichts aus Gott machen, denn wirklich so unglücklich und
freudlos? Schließlich »genießen« sie doch das Leben in vollen Zügen. Aber es ist
ein Genuß, der zunehmend unempfänglich macht für die göttlichen Dinge, und sie
allein können unseren Hunger und Durst stillen und uns einen Vorgeschmack von
der Seligkeit im Himmel verkosten lassen. Das Herz dieses Volkes ist hart
geworden, und mit ihren Ohren hören sie nur schwer, und ihre Augen halten sie
geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht
hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, heißt es im
heutigen Evangelium14.
III »Die
Todsünde ist wie auch die Liebe eine radikale Möglichkeit, die der Mensch in
Freiheit wählen kann. Sie zieht den Verlust der göttlichen Tugend der Liebe und
der heiligmachenden Gnade, das heißt des Standes der Gnade, nach sich. Wenn sie
nicht durch Reue und göttliche Vergebung wieder gutgemacht wird, verursacht sie
den Ausschluß aus dem Reiche Christi und den ewigen Tod in der Hölle, da es in
der Macht unseres Willens steht, endgültige und unwiderrufliche Entscheidungen
zu treffen. Doch wenn wir auch beurteilen können, daß eine Handlung in sich ein
schweres Vergehen darstellt, müssen wir das Urteil über die Menschen der
Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Gottes überlassen.«15 Vor der göttlichen
Gerechtigkeit bleibt sündhaftes Tun, mag es auch noch so verbreitet sein,
sündhaftes Tun; seine Barmherzigkeit eröffnet uns den geheimnisvollen
Zusammenhang zwischen der Sünde und einem Gott, der um des Heiles jedes
einzelnen Menschen willen Mensch wurde und am Kreuz sterben wollte. Dies läßt
uns um die Gnade der Bekehrung für alle bitten, die jetzt den Sohn Gottes noch
einmal ans Kreuz schlagen16.
Und
ebenso bitten wir um die eigene Beharrlichkeit bis ans Ende, denn keiner steht
in der Gnade unverrückbar fest. Es soll uns nicht überheblich machen, wenn wir
merken, daß wir für gewöhnlich nicht in schwere Sünde fallen. Es ist Gnade und
Erbarmen Gottes; denn wir selbst sind schwach. Deshalb müssen wir bemüht sein,
die Gelegenheiten zur Sünde feinfühlig zu meiden, die Zügelung der Sinne nicht
zu vernachlässigen, dem eigenen Urteil und der eigenen Erfahrung zu mißtrauen
und aus tiefstem Herzen jede Sünde - auch die läßliche - zu verabscheuen.
Wie läßt
sich entschieden gegen die Sünde vorgehen? Es ist eine Frage der Liebe, aber
auch eine Frage der Ehrlichkeit. Jemand sprach einmal vom »Mut zur Sünde« und
meinte damit den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen und Alibis und Ausflüchte
nicht zuzulassen. Stellen wir uns vor den barmherzigen Gott und prüfen wir, wie
unser Umgang mit ihm ist, wie brüderlich wir mit unseren Mitmenschen umgehen,
wie ernst wir unsere Pflichten in Familie und Beruf nehmen. Dann wird uns manch
bewußte oder halbbewußte Verfehlung aufgehen: die Neigung zu lieblosen
Bemerkungen, egoistisches Kalkül, naßforsches Auftreten, eine herrische Art,
Anweisungen zu geben, Unzufriedenheit mit dem, was wir haben, Regungen des
Neides oder der schlechten Laune. Vielleicht merken wir auch, daß wir im
Familienleben zu wenig aufmerksam, zuvorkommend und dienstbereit waren. Nichts
davon bedeutet Bruch mit der Liebe Gottes. Und doch ist da zuviel Ich, zu viel
Drückebergerei vor dem klar erkannten Willen Gottes, zu wenig Entschlossenheit
zur Nachfolge. Jede läßliche Sünde wirft die Seele zurück auf dem Weg zu Gott
und behindert das Wirken des Heiligen Geistes. Wer indes oft die Versöhnung mit
Gott in der Beichte sucht, erfährt, »daß nichts persönlicher und inniger ist als
dieses Sakrament, in welchem der Sünder Gott allein gegenübersteht mit seiner
Schuld, seiner Reue und seinem Vertrauen«17.
Am Anfang
unseres Gebetes betrachteten wir die Klage Gottes durch den Propheten: Sein Volk
verschmähte die lebendige Wasserquelle und trank aus rissigen Zisternen. Am Ende
dieser Zeit des Gebetes wollen wir mit dem Antwortpsalm sagen: Bei dir, o Herr,
ist die Quelle des Lebens.18 Wir verbinden diesen Ruf mit einer Bitte an Maria,
die Zuflucht der Sünder, sie möge uns die Gnade erwirken, ein feines Gewissen zu
haben, die Sünde zu verabscheuen und immer wieder Versöhnung und Erneuerung im
Sakrament des göttlichen Erbarmens zu suchen.
1 Ps
1,1-3. - 2 vgl. Joh 4,7-15. - 3 G. Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988,
S. 268. - 4 Joh 7,37-38. - 5 Jes 12,3. - 6 Präfation vom heiligsten Herzen Jesu.
- 7 R. Guardini, Von heiligen Zeichen, Mainz 1992, S. 40. - 8 Jer 2,12-13. - 9
Johannes Paul II., Ansprache in Lourdes, 15.8.1983. - 10 ebd. - 11 Katechismus
der Katholischen Kirche, 1855. - 12 ebd., 387. - 13 J. Escrivá, Im Feuer der
Schmiede, Nr. 1024. - 14 Mt 13,10-17. - 15 Katechismus der Katholischen Kirche,
1861. - 16 Hebr 6,6. - 17 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Reconciliatio et
paenitentia, 2.12.1984, 31. - 18 Ps 36,10.
|