|
|
JAHRESKREIS
13. WOCHE - FREITAG
8
Ein
gastmahl mit zöllnern und sündern
Zeichen
der Liebe zu Gott und zum Nächsten.
Der Sinn um Verzicht und Entsagung.
Ein weites Feld.
I. Das
heutige Evangelium1 schildert die Berufung des Matthäus und ihre Nachwirkungen.
»Von sich selbst redet der Evangelist; die Geschichte seines eigenen bitteren
und seligen Erfahrens ist es, die er berichtet.«2 Jesus sah ihn am Zoll sitzen
und sagte Zu ihm: Folge mir nach! Da stand Matthäus auf und folgte ihm.
»Der
Zöllner oder Steuereinnehmer war eine böse Gestalt im römischen Reich. Eine
staatliche Behörde gab es nicht; vielmehr wurde die Eintreibung für jede Provinz
einem privaten Unternehmer verpachtet, der den Eingang der festgesetzten Summe
verbürgte. Dafür war ihm den Steuerpflichtigen gegenüber freie Hand gegeben. Was
er forderte, war oft ein Vielfaches jener Summe, und er hatte das Recht der
Vollstreckung. Seine Befugnis gab er dann in der Regel für kleinere Bezirke an
Untereinnehmer weiter, die ebenfalls für ihre Tasche sorgten. Die Eintreibung
geschah mit unbarmherziger Härte, und das Ganze war oft nichts anderes als ein
gesetzlich gestütztes Raubsystem.«3
Verständlich daher das Staunen der Pharisäer darüber, daß sich Jesus auf einen
solchen Menschen einließ, verständlich ebenso ihr Befremden als Zaungäste bei
jenem ungewöhnlichen Gastmahl. Aber verständlich auch, daß Matthäus jene
weitreichende Begegnung feiern wollte, und mit wem sonst hätte er die Freude
teilen sollen als mit seinen Freunden und Genossen?
Die
Pharisäer sind entrüstet: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und
Sündern essen? Sünder waren in den Augen der Pharisäer alle, die die jüdischen
Gebräuche nicht genau beobachteten und beispielsweise wie die Zöllner mit Heiden
verkehrten. Der Herr antwortet schlicht: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt,
sondern die Kranken. Es ist, als sagte er den Lästerern: »Also prüfet euch wohl,
ob ihr >Gerechte< sein wollt! In diesem Falle bin ich nicht zu euch gekommen!
Soll ich zu euch gekommen sein, so erkennt, daß ihr Sünder seid - und worin ist
dann noch ein Unterschied zwischen euch und jenen?«4
Viele,
die sonst genaue Beobachter des Gesetzes waren, hatten das Gespür dafür
verloren, daß eine äußere Opferhandlung nur dann wertvoll ist, wenn sie eine
innere Opferhaltung ausdrückt. Mit anderen Worten: wenn Liebe sie trägt. Der
Herr erwähnt das Wort des Propheten Hosea: Barmherzigkeit will ich, nicht
Opfer5. Ein anderes Mal erinnert er an die Klage Gottes durch Jesaja über das
Volk, das sich mir nur mit Worten nähert und mich bloß mit den Lippen ehrt, sein
Herz aber fernhält von mir6.
Jesu
Replik auf die Kritik der Pharisäer rechtfertigt nicht nur seine Anwesenheit
beim Gastmahl, sondern nimmt vor allem die Gäste des Matthäus in Schutz. Die
Kritiker hatten sich von ihnen nicht lediglich distanziert, sondern
selbstgerecht, hartherzig und verständnislos reagiert. Ihre Achtung vor dem
Gesetz war in sich lobenswert; sie war aber auch unfruchtbar, weil sie sich
nicht vorstellen konnten, daß Menschen, denen das Gesetz nicht so vertraut war
wie ihnen, auch gut sein und Gutes tun könnten. Wie leicht hätten sie
Entschuldigungsgründe finden können, wenn sie nicht nur auf das Äußere geachtet
hätten!
II.
Menschen, die im christlichen Glauben fest verwurzelt sind, zeigen ein anderes
Empfinden. Ihrem äußeren Tun muß eine innere Überzeugung entsprechen. Eine
Bemerkung des seligen Josemaría Escrivá mag dies verdeutlichen: »Ich ziehe die
Tugenden den Kasteiungen vor - so, wenn auch mit anderen Worten, spricht Jahwe
zum auserwählten Volk, das sich allzuleicht mit äußeren Riten begnügte und damit
selbst betrog. Wir müssen deshalb der Buße und der Abtötung in unserem täglichen
Leben den richtigen Stellenwert geben. Sie sind wahre Zeichen der Liebe zu Gott
und zum Nächsten.«7
Der
Alltag bietet viele Gelegenheiten zu kleinen Überwindungen, die man Gott
darbringen kann. Wenn es gelingt, sie im Inneren zu verankern, sind sie Ausdruck
der Gottes- und Nächstenliebe: »Ein wahres Opfer ist jegliches Werk, das getan
wird, um in heiliger Gemeinschaft Gott anzuhangen.«8
Auf böse
Begierden nicht einzugehen und egoistische Neigungen zu unterlaufen hat auch
außerhalb des unmittelbar Religiösen einen Sinn, etwa zur Selbstvervollkommnung
oder zum besseren Gelingen des menschlichen Miteinander. Für einen Christen
jedoch bedeuten Askese und Verzicht mehr; sie sind Haltungen, »die stufenweise
dazu führen, im Frieden und in der Freude der Seligpreisungen zu leben«9.
Die
Askese sichert die Herrschaft über alles, was dem Menschen dienen soll: Geld,
Besitz, Arbeit und Freizeit. Es geht nicht bloß darum, Maßlosigkeiten zu meiden,
sondern es geht um eine innere Freiheit, die Raum schafft für das übernatürliche
Leben in der Seele.
Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer... Diese Worte sprengen die Enge reiner
Äußerlichkeit. Sie lenken beispielsweise den Blick auf die schwierigen
charakterlichen Eigenschaften eines Familienangehörigen oder eines
Berufskollegen, sie schärfen das Fingerspitzengefühl im Umgang miteinander.
Das
heutige Evangelium deutet an, daß den Pharisäern nicht nur die rechte
Einstellung gegenüber Gott fehlte; sie stießen sich auch an der Eigenart der
Gäste und waren unfähig, auf sie einzugehen.
Die guten
Eigenschaften anderer Menschen zu akzeptieren, dafür ist keine besondere
Anstrengung nötig; schwieriger wird es bei ihren Fehlern und Unarten. Und doch
ist dieses Bemühen so wichtig! Wie segensreich kann ein schlichtes, ehrliches
Lächeln sein, wie schonend das Hinwegsehen über eine störende Angewohnheit!
»Soll eine Freundschaft dauern, dann muß eine Wachsamkeit über ihr sein; etwas,
das sie in Hut nimmt. Jeder muß dem Anderen Raum geben, der zu sein, der er eben
ist; jeder sich der eigenen Fehler bewußt werden und die des Anderen mit den
Augen der Freundschaft sehen. Das zu wollen und es gegen die Empfindlichkeit,
Trägheit, Enge der eigenen Natur durchzusetzen, ist (...) Askese.«10
Neben den
Abtötungen, die wir uns selbst auferlegen, gibt es solche, die unerwartet
kommen. Manche können eine große innere Kraft erfordern, eine schwere Krankheit
etwa, eine heikle Situation in der Familie, die Not der Arbeitslosigkeit. Andere
Male sind es nur winzige Dinge. Aber gerade sie verdienen unsere Aufmerksamkeit;
denn sie sind so alltäglich, daß man so ohne weiteres gar nicht daran denkt, sie
Gott aus Liebe aufzuopfern. Gelingt uns das jedoch, nachdem wir die anfängliche
innere Abneigung überwunden haben, dann finden wir auch inmitten solcher
Kleinigkeiten Frieden und Freude. Widersetzen wir uns hingegen dem, was sich in
der konkreten Situation als Gottes Willen zeigt, bleibt die Seele aufgewühlt,
traurig oder verharrt sogar in stummer Rebellion.
Die
beruflichen Pflichten sind ein weiteres Feld der Selbstüberwindung. Wie viele
kleine Abtötungen sind erforderlich, um wirklich gewissenhaft zu arbeiten und
dem Schlendrian, dem Hingepfuschten oder der Fahrlässigkeit vorzubeugen! Eine
sogenannte undankbare Aufgabe, die gleich erledigt wird, Finessen der Ordnung
oder der Pünktlichkeit, die Hilfe, die man einem Kollegen leistet - alles kann
zu einem Erweis der Liebe werden.
III. Wie
bei jedem guten Tun des Menschen sind kleine Abtötungen verdienstlich, »weil
Gott in Freiheit verfügt hat, den Menschen mit seiner Gnade mitwirken zu lassen.
Ausgangspunkt für dieses Mitwirken ist immer das väterliche Handeln Gottes, das
den Anstoß für das freie Handeln des Menschen gibt, so daß die Verdienste für
gute Werke in erster Linie der Gnade Gottes und erst dann dem Glaubenden
zuzuschreiben sind.«11 Gelegenheiten zu Verzicht und Entsagung finden wir nicht
erst in gefährlicher Nähe zur Sünde, sondern bereits im weiten Feld des
Erlaubten; denn es geht nicht darum, Gott lediglich nicht zu beleidigen, sondern
ihn zu lieben. Wer Gott liebt, begreift, daß die Worte des Apostels Paulus über
das Kreuz auch für das gesuchte oder auferlegte Opfer gelten: Das Wort vom Kreuz
ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es
Gottes Kraft.12
Die Liebe
zum Herrn bewegt uns also, Vorstellung und Erinnerung in Zaum zu halten, unnütze
Gedanken zu meiden, die Sinnlichkeit zu zähmen, dem egoistischen Hang zum
totalen Wohlbefinden nicht nachzugeben. In der Kraft der Selbstüberwindung kann
es uns gelingen, schon morgens beim Aufstehen die Trägheit zu überwinden, die
Arbeit rechtzeitig zu beginnen, beim Essen und Trinken maßvoll zu sein, die
schlechte Laune zu beherrschen, im Gespräch freundlich und aufmerksam zu
bleiben, wenn wir ungeduldig werden möchten.
Manche
Abtötung ergibt sich aus einer einmaligen Situation. Das Leben in der Gegenwart
Gottes hilft uns, sie rechtzeitig zu erkennen. Andere werden zu gewohnten
Abtötungen, weil eine Situation sich wiederholt. Dabei sind die
Selbstüberwindungen besonders wichtig, die auf eine bessere Erfüllung unserer
Pflichten gegenüber Gott und dem Nächsten zielen. Natürlich müssen wir auch
damit rechnen, daß es uns trotz unseres guten Willens nicht ständig gelingt, die
Abtötungen, die wir uns vorgenommen haben, auch konsequent zu praktizieren.
Manchmal kann es helfen, sich etwas kurz zu notieren, um es im Lauf des Tages
durchzugehen und bei der abendlichen Gewissenserforschung zu prüfen. Dies kann
auch eine gute Gelegenheit sein, den Schutzengel um Hilfe zu bitten.
Solche
kleinen Verzichte und Überwindungen im Lauf des Tages sind keine
Willensakrobatik. Sie sind - wenn sie aus dem Herzen kommen - Ausdruck des
Willens, Christus gleichförmig zu werden und sein Wort ernst zu nehmen: Wer aber
das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.13
1 Mt
9,9-13. - 2 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S. 57. - 3 ebd. - 4 ebd., S.
58. - 5 Hos 6,6. - 6 Jes 29,13. - 7 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 992. -
8 Augustinus, Gottesstaat, 10,6. - 9 Katechismus der Katholischen Kirche, 2015.
- 10 R. Guardini, Tugenden, Mainz 1987, S. 87. - 11 Katechismus der Katholischen
Kirche, 2008. - 12 1 Kor 1,18. - 13 Mt 10,39.
|