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JAHRESKREIS
16. WOCHE - MITTWOCH
33
das gute
erdreich
Natur und
Übernatur.
Die natürlichen Tugenden.
Das gute Erdreich.
I. In den
Worten des Herrn finden wir nicht jene exakten Definitionen, wie sie im
intellektuellen Diskurs üblich sind. Jesus spricht vom Reich Gottes in
Gleichnissen, die - wie poetische Bilder - den Geist anregen und für vielfache
Deutungen offen sind. Ihr Kern ist eindeutig, das Drumherum indes bietet nach
der je persönlichen Eigenart oder der augenblicklichen Situation des Zuhörers
verschiedene Zugänge.
Das
Gleichnis im heutigen Evangelium1 läßt sich vom Sämann her verstehen - und
verweist dann auf Gott; oder vom Saatkorn her, dessen Wachsen von der
Bodenqualität abhängig ist - und verweist dann auf uns. Denn die
Bodenbeschaffenheit ist »ein Bild für die Harthörigkeit oder Bereitschaft der
Hörer, das Wort aufzunehmen. Das Gleichnis macht deutlich: Von dieser
Bereitschaft hängt alles ab. Ist sie nicht vorhanden, dann war alles nutzlos;
ist sie dagegen da, so kann die Botschaft reiche Frucht bringen - was sie
eigentlich soll.«2
Jesus hat
oft solche Gleichnisse über Saat und Ernte gebraucht. Das heutige verdeutlicht,
»daß es einen sehr großen Unterschied im weiteren >Ergehen< und >Geschick< gibt
zwischen den Körnern, die doch alle auf gleiche Weise und vor allem, indem sie
einander bis aufs Haar gleichen, ausgesät werden. Denn die einen gehen
jämmerlich ein, die anderen dagegen bringen Frucht bis zum Hundertfachen. Diese
besondere Erfahrung im Umgang mit Korn wird hier zum Appell, die Botschaft
bereitwillig zu hören. In diesem Sinn gilt der Schluß: Wer Ohren hat zu hören,
der höre!«3
Der Samen
der Gnade und des Wortes fällt auf unterschiedliches Erdreich: unter die Dornen,
auf einen festgetretenen Weg, auf steinigen Boden oder auf gute Erde. In einer
der möglichen Deutungen kann man im Erdreich den Menschen und seine persönlichen
Voraussetzungen sehen. Auf dieses Erdreich fällt als großes Geschenk der Same
der Gnade, des übernatürlichen Lebens. Das Erdreich wäre also die Gesamtheit von
natürlichen Tugenden und Gaben, der Humus für die übernatürlichen Tugenden.
Gelegentlich begegnet man Vorstellungen vom übernatürlichen Leben, als würde es
der natürlichen menschlichen Verfaßtheit übergestülpt. Es ist aber ganz anders:
die Gnade setzt die Natur voraus und durchdringt sie: »Gott ist nicht der
Zerstörer eines Guten, sondern er ist ein Vollender. Gott ist nicht ein
Vernichter der Natur, sondern er ist ihr Schöpfer. Auch zerstört nicht etwa die
Gnade die Natur; sie vervollkommnet sie vielmehr.«4 Weil Gott ein Vollender
aller Dinge ist, so schließt der mittelalterliche Mystiker, »sollen auch wir
nicht einmal ein geringfügiges Gutes in uns zerstören; auch nicht eine geringe
Weise um einer großen willen, sondern wir sollen sie zum höchsten Grad hin
vollenden.«5
II. Mit
dem Wort Tugend verbindet der gegenwärtige Sprachgebrauch gern voluntaristische
Angestrengtheit. Gemeint aber ist »das Richtigsein des Menschen«6. »So war für
die Griechen Tugend, areté, die Wesensart des edel gearteten und wohlgebildeten
Menschen; für die Römer bedeutete virtus die Festigkeit, mit welcher der
vornehme Mann in Staat und Leben stand; das Mittelalter verstand unter tugent
die Art des ritterlichen Menschen. Allmählich wurde diese Tugend aber brav und
nützlich, bis sie den sonderbaren Klang bekam, bei dem sich im natürlich
gewachsenen Menschen innerlich etwas zusammenzieht.«7
Was also
ist mit Tugend gemeint? Sie »sind feste Haltungen, verläßliche Neigungen,
beständige Vollkommenheiten des Verstandes und des Willens, die unser Tun
regeln, unsere Leidenschaften ordnen und unser Verhalten der Vernunft und dem
Glauben entsprechend lenken. Sie verleihen dem Menschen Leichtigkeit, Sicherheit
und Freude zur Führung eines sittlich guten Lebens.«8 Gott hätte dem Menschen
das Übernatürliche unmittelbar einpflanzen können; jedoch wäre das »sinnwidrig«
würde er doch so von den Gaben absehen, mit denen er die menschliche Natur
ausgestattet hat.
Das reine
Gottesgeschenk der übernatürlichen Tugenden setzt als Fundament die durch Übung
gefestigten natürlichen Anlagen voraus. Wie kann jemand in den Dingen des
Glaubens tapfer sein, wenn er ständig nur um sein Wohlbefinden kreist und wegen
jeder Kleinigkeit - Hitze oder Kälte, Kopfweh oder Arbeitspensum - stöhnt?
Es geht
zuerst darum, uns im Menschlichen zu vervollkommnen und Tugenden wie
Wahrhaftigkeit, Treue, Geduld, Dankbarkeit, Mut, Arbeitsamkeit zu pflegen.9
Dabei ist unser Leitbild Christus: »Durch die Menschwerdung hat Gott dem
menschlichen Leben jene Dimension gegeben, die er ihm von Anfang an zugedacht
hat.«10
Alle
Tugenden eines guten Menschen sind in Christus vollkommen verwirklicht. Weil
Christus vollkommener Gott und vollkommener Mensch ist, geht es dem Christen
nicht um ein abstraktes Ideal der Tugend, sondern um leibhaftige Nachfolge. Denn
er, der Erlöser, macht »dem Menschen den Menschen selbst voll kund. Dieses ist -
wenn man sich so ausdrücken darf - die menschliche Dimension im Geheimnis der
Erlösung. In dieser Dimension findet der Mensch die Größe, die Würde und den
Wert, die mit seinem Menschsein gegeben sind.«11
Christus
erzieht die Seinen in einem tiefgegründeten Glauben, in fester Hoffnung, in
starker Liebe; er weckt in ihnen das Bewußtsein der Gotteskindschaft. Aber wer
im Evangelium zwischen den Zeilen liest, merkt, wie der Herr seine Jünger ebenso
in den natürlichen Tugenden unterweist: in der Ausgewogenheit des Urteils, der
Aufrichtigkeit, in gegenseitiger Rücksichtnahme. Und wie wichtig ist für Jesus
die Pflege des Natürlich-Menschlichen, wenn er auf die Undankbarkeit der
geheilten Aussätzigen betroffen reagiert11 oder Unaufmerksamkeit ihm gegenüber12
beklagt.
Wenn wir
darauf achten, im Menschlichen aufrichtig, loyal, arbeitsam, verständnisvoll,
ausgeglichen zu sein, sind wir auf dem Weg der Nachahmung Jesu Christi. Die
Gnade und das Wort sollen auf das gute Erdreich einer gereiften Persönlichkeit
fallen können.
III. Die
Welt ist der Ort unserer Heiligung, unserer Berufung, unseres Zeugnisses. Dort
sind wir die Stadt auf dem Berg und das Licht auf dem Leuchter, das vor den
Menschen leuchten soll.13 Aber was nehmen die Menschen als erstes an uns wahr?
Ob wir integer, loyal, couragiert, verläßlich, gerecht, wahrhaftig sind. Das
zieht an. Deshalb sind die guten Eigenschaften, die natürlichen Tugenden eines
Menschen zugleich eine Möglichkeit, daß die Gnade Gottes in anderen wirkt:
Kompetenz im Beruf, Freundlichkeit, Einfachheit... können andere hellsichtig,
neugierig und geneigt machen für die Botschaft Christi. Wenn die Menschen um uns
die natürlichen Tugenden an uns vermissen, werden wir sie kaum für die
übernatürlichen Tugenden, die wir ihnen vermitteln möchten, begeistern können.
Wie kann man das Antlitz Christi widerspiegeln, wenn das eigene Antlitz
entstellt ist vom trüben Blick der Sinnlichkeit? Wie kann man einen Freund zu
einem konsequenteren Glaubensleben bewegen, wenn er merkt, daß jener, der ihn
anspricht, lustlos arbeitet oder routiniert betet?
Ohne auf
Christus ausgerichtet zu sein, würden die natürlichen Tugenden Gefahr laufen,
sich zu verselbständigen und so das rechte Maß zu verlieren. Dann würden sie zum
Selbstzweck und unfrei machen: »Es gibt recht viele Christen, welche sich ganz
bestimmte, kurzsichtige Anschauungen über ihr tugendhaftes Leben gebildet haben
und ihre Methode für ein Muster von christlicher Vollkommenheit halten.
Überzeugt von der Richtigkeit ihres Verhaltens, eigensinnig ihre Ansicht
festhaltend, auf Andersdenkende geringschätzig herabsehend, übertrieben
ängstlich bei kleinlicher Pünktlichkeit, äußerst empfindlich bei jeder Störung
und haschend nach fühlbarer Andacht, ist all ihr Sinnen und Trachten auf die
Durchführung ihrer Methode gerichtet. Dabei merken sie durch ihre Einseitigkeit
nicht, daß sie unzählige Fehler auf all den Gebieten begehen, welche nicht
innerhalb des von ihnen gepflegten Gesichtskreises liegen.«14
Der
heilige Franz von Sales schreibt: »Es gibt Tugenden, die beinah überall
gebraucht werden und nicht nur für sich allein wirken, sondern sämtlichen
anderen Tugenden ihre Eigenart geben. Nicht oft ergibt sich die Gelegenheit,
Kraft, Großherzigkeit, Großzügigkeit in die Tat umzusetzen, aber Milde,
Mäßigung, Redlichkeit und Dienstbereitschaft gehören zu jenen Tugenden, die
allen Handlungen unseres Lebens die rechte Färbung geben sollen. Es gibt sicher
hervorragendere Tugenden als gerade diese, aber keine, die notwendiger wären.
Zucker ist besser als Salz, aber Salz braucht man häufiger und allgemeiner.
Darum muß man immer einen guten Vorrat von diesen allgemeingültigen Tugenden zur
Hand haben.«15
Wie
können wir anderen Menschen zeigen, daß Christus wirklich lebt? »Wir müssen so
leben, daß die Menschen, denen wir begegnen, sagen können: Der ist ein Christ,
denn er haßt nicht, er weiß zu verstehen, er ist nicht fanatisch, er hat sich in
der Gewalt, er kann Opfer bringen, er sucht den Frieden, er liebt.«16 Unsere
Welt braucht das Zeugnis jener, die - weil sie an Christus Maß nehmen - ein
feines Gespür für alles haben, was in der Schöpfungsordnung grundgelegt ist.
Dazu gehört auch die Achtung der Menschenrechte und ein geschärftes Empfinden
für die Natur u= 16 Unsere Welt braucht das Zeugnis jener, die - weil sie an
Christus Maß nehmen - ein feines Gespür für alles haben, was in der
Schöpfungsordnung grundgelegt ist. Dazu gehört auch die Achtung der
Menschenrechte und ein geschärftes Empfinden für die Natur nd den pfleglichen
Umgang mit ihr. Das gute Erdreich - das ist der einzelne mit seinen natürlichen
Tugenden. Sie befruchten die Welt und wirken so mit, daß die Gnade Gottes
leichter von vielen Menschen angenommen wird.
1 Mt
13,1-9. - 2 K. Berger, Manna, Mehl und Sauerteig, Stuttgart 1993, S. 26. - 3
ebd., S. 27. - 4 Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg
1990, S. 69. - 5 ebd. - 6 J. Pieper, Das Viergespann, München 1964, S. 9. - 7 R.
Guardini, Tugenden, Mainz 1987, S. 11. - 8 Katechismus der Katholischen Kirche,
1804. - 9 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 1. - 10 ebd., 10. - 11 vgl.
Lk 17,17-18. - 12 vgl. Lk 7,44-46. - 13 vgl. Mt 5,14-16. - 14 H. Jaegen, Der
Kampf um das höchste Gut, Trier 1908, S. 115. - 15 Franz von Sales, Feuer und
Tau, Freiburg 1986, S. 33. - 16 J. Escrivá, Christus begegnen, 122.
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