Francisco Fernández Carvajal's Webseite


Donnerstag, den 24. Juli 2008 


Meditationen für jeden Tag
Drucken - Massenmesswerte

JAHRESKREIS
16. WOCHE - MITTWOCH

33

das gute erdreich

Natur und Übernatur.
Die natürlichen Tugenden.
Das gute Erdreich.

I. In den Worten des Herrn finden wir nicht jene exakten Definitionen, wie sie im intellektuellen Diskurs üblich sind. Jesus spricht vom Reich Gottes in Gleichnissen, die - wie poetische Bilder - den Geist anregen und für vielfache Deutungen offen sind. Ihr Kern ist eindeutig, das Drumherum indes bietet nach der je persönlichen Eigenart oder der augenblicklichen Situation des Zuhörers verschiedene Zugänge.

Das Gleichnis im heutigen Evangelium1 läßt sich vom Sämann her verstehen - und verweist dann auf Gott; oder vom Saatkorn her, dessen Wachsen von der Bodenqualität abhängig ist - und verweist dann auf uns. Denn die Bodenbeschaffenheit ist »ein Bild für die Harthörigkeit oder Bereitschaft der Hörer, das Wort aufzunehmen. Das Gleichnis macht deutlich: Von dieser Bereitschaft hängt alles ab. Ist sie nicht vorhanden, dann war alles nutzlos; ist sie dagegen da, so kann die Botschaft reiche Frucht bringen - was sie eigentlich soll.«2

Jesus hat oft solche Gleichnisse über Saat und Ernte gebraucht. Das heutige verdeutlicht, »daß es einen sehr großen Unterschied im weiteren >Ergehen< und >Geschick< gibt zwischen den Körnern, die doch alle auf gleiche Weise und vor allem, indem sie einander bis aufs Haar gleichen, ausgesät werden. Denn die einen gehen jämmerlich ein, die anderen dagegen bringen Frucht bis zum Hundertfachen. Diese besondere Erfahrung im Umgang mit Korn wird hier zum Appell, die Botschaft bereitwillig zu hören. In diesem Sinn gilt der Schluß: Wer Ohren hat zu hören, der höre!«3

Der Samen der Gnade und des Wortes fällt auf unterschiedliches Erdreich: unter die Dornen, auf einen festgetretenen Weg, auf steinigen Boden oder auf gute Erde. In einer der möglichen Deutungen kann man im Erdreich den Menschen und seine persönlichen Voraussetzungen sehen. Auf dieses Erdreich fällt als großes Geschenk der Same der Gnade, des übernatürlichen Lebens. Das Erdreich wäre also die Gesamtheit von natürlichen Tugenden und Gaben, der Humus für die übernatürlichen Tugenden.

Gelegentlich begegnet man Vorstellungen vom übernatürlichen Leben, als würde es der natürlichen menschlichen Verfaßtheit übergestülpt. Es ist aber ganz anders: die Gnade setzt die Natur voraus und durchdringt sie: »Gott ist nicht der Zerstörer eines Guten, sondern er ist ein Vollender. Gott ist nicht ein Vernichter der Natur, sondern er ist ihr Schöpfer. Auch zerstört nicht etwa die Gnade die Natur; sie vervollkommnet sie vielmehr.«4 Weil Gott ein Vollender aller Dinge ist, so schließt der mittelalterliche Mystiker, »sollen auch wir nicht einmal ein geringfügiges Gutes in uns zerstören; auch nicht eine geringe Weise um einer großen willen, sondern wir sollen sie zum höchsten Grad hin vollenden.«5

II. Mit dem Wort Tugend verbindet der gegenwärtige Sprachgebrauch gern voluntaristische Angestrengtheit. Gemeint aber ist »das Richtigsein des Menschen«6. »So war für die Griechen Tugend, areté, die Wesensart des edel gearteten und wohlgebildeten Menschen; für die Römer bedeutete virtus die Festigkeit, mit welcher der vornehme Mann in Staat und Leben stand; das Mittelalter verstand unter tugent die Art des ritterlichen Menschen. Allmählich wurde diese Tugend aber brav und nützlich, bis sie den sonderbaren Klang bekam, bei dem sich im natürlich gewachsenen Menschen innerlich etwas zusammenzieht.«7

Was also ist mit Tugend gemeint? Sie »sind feste Haltungen, verläßliche Neigungen, beständige Vollkommenheiten des Verstandes und des Willens, die unser Tun regeln, unsere Leidenschaften ordnen und unser Verhalten der Vernunft und dem Glauben entsprechend lenken. Sie verleihen dem Menschen Leichtigkeit, Sicherheit und Freude zur Führung eines sittlich guten Lebens.«8 Gott hätte dem Menschen das Übernatürliche unmittelbar einpflanzen können; jedoch wäre das »sinnwidrig« würde er doch so von den Gaben absehen, mit denen er die menschliche Natur ausgestattet hat.

Das reine Gottesgeschenk der übernatürlichen Tugenden setzt als Fundament die durch Übung gefestigten natürlichen Anlagen voraus. Wie kann jemand in den Dingen des Glaubens tapfer sein, wenn er ständig nur um sein Wohlbefinden kreist und wegen jeder Kleinigkeit - Hitze oder Kälte, Kopfweh oder Arbeitspensum - stöhnt?

Es geht zuerst darum, uns im Menschlichen zu vervollkommnen und Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Treue, Geduld, Dankbarkeit, Mut, Arbeitsamkeit zu pflegen.9 Dabei ist unser Leitbild Christus: »Durch die Menschwerdung hat Gott dem menschlichen Leben jene Dimension gegeben, die er ihm von Anfang an zugedacht hat.«10

Alle Tugenden eines guten Menschen sind in Christus vollkommen verwirklicht. Weil Christus vollkommener Gott und vollkommener Mensch ist, geht es dem Christen nicht um ein abstraktes Ideal der Tugend, sondern um leibhaftige Nachfolge. Denn er, der Erlöser, macht »dem Menschen den Menschen selbst voll kund. Dieses ist - wenn man sich so ausdrücken darf - die menschliche Dimension im Geheimnis der Erlösung. In dieser Dimension findet der Mensch die Größe, die Würde und den Wert, die mit seinem Menschsein gegeben sind.«11

Christus erzieht die Seinen in einem tiefgegründeten Glauben, in fester Hoffnung, in starker Liebe; er weckt in ihnen das Bewußtsein der Gotteskindschaft. Aber wer im Evangelium zwischen den Zeilen liest, merkt, wie der Herr seine Jünger ebenso in den natürlichen Tugenden unterweist: in der Ausgewogenheit des Urteils, der Aufrichtigkeit, in gegenseitiger Rücksichtnahme. Und wie wichtig ist für Jesus die Pflege des Natürlich-Menschlichen, wenn er auf die Undankbarkeit der geheilten Aussätzigen betroffen reagiert11 oder Unaufmerksamkeit ihm gegenüber12 beklagt.

Wenn wir darauf achten, im Menschlichen aufrichtig, loyal, arbeitsam, verständnisvoll, ausgeglichen zu sein, sind wir auf dem Weg der Nachahmung Jesu Christi. Die Gnade und das Wort sollen auf das gute Erdreich einer gereiften Persönlichkeit fallen können.

III. Die Welt ist der Ort unserer Heiligung, unserer Berufung, unseres Zeugnisses. Dort sind wir die Stadt auf dem Berg und das Licht auf dem Leuchter, das vor den Menschen leuchten soll.13 Aber was nehmen die Menschen als erstes an uns wahr? Ob wir integer, loyal, couragiert, verläßlich, gerecht, wahrhaftig sind. Das zieht an. Deshalb sind die guten Eigenschaften, die natürlichen Tugenden eines Menschen zugleich eine Möglichkeit, daß die Gnade Gottes in anderen wirkt: Kompetenz im Beruf, Freundlichkeit, Einfachheit... können andere hellsichtig, neugierig und geneigt machen für die Botschaft Christi. Wenn die Menschen um uns die natürlichen Tugenden an uns vermissen, werden wir sie kaum für die übernatürlichen Tugenden, die wir ihnen vermitteln möchten, begeistern können. Wie kann man das Antlitz Christi widerspiegeln, wenn das eigene Antlitz entstellt ist vom trüben Blick der Sinnlichkeit? Wie kann man einen Freund zu einem konsequenteren Glaubensleben bewegen, wenn er merkt, daß jener, der ihn anspricht, lustlos arbeitet oder routiniert betet?

Ohne auf Christus ausgerichtet zu sein, würden die natürlichen Tugenden Gefahr laufen, sich zu verselbständigen und so das rechte Maß zu verlieren. Dann würden sie zum Selbstzweck und unfrei machen: »Es gibt recht viele Christen, welche sich ganz bestimmte, kurzsichtige Anschauungen über ihr tugendhaftes Leben gebildet haben und ihre Methode für ein Muster von christlicher Vollkommenheit halten. Überzeugt von der Richtigkeit ihres Verhaltens, eigensinnig ihre Ansicht festhaltend, auf Andersdenkende geringschätzig herabsehend, übertrieben ängstlich bei kleinlicher Pünktlichkeit, äußerst empfindlich bei jeder Störung und haschend nach fühlbarer Andacht, ist all ihr Sinnen und Trachten auf die Durchführung ihrer Methode gerichtet. Dabei merken sie durch ihre Einseitigkeit nicht, daß sie unzählige Fehler auf all den Gebieten begehen, welche nicht innerhalb des von ihnen gepflegten Gesichtskreises liegen.«14

Der heilige Franz von Sales schreibt: »Es gibt Tugenden, die beinah überall gebraucht werden und nicht nur für sich allein wirken, sondern sämtlichen anderen Tugenden ihre Eigenart geben. Nicht oft ergibt sich die Gelegenheit, Kraft, Großherzigkeit, Großzügigkeit in die Tat umzusetzen, aber Milde, Mäßigung, Redlichkeit und Dienstbereitschaft gehören zu jenen Tugenden, die allen Handlungen unseres Lebens die rechte Färbung geben sollen. Es gibt sicher hervorragendere Tugenden als gerade diese, aber keine, die notwendiger wären. Zucker ist besser als Salz, aber Salz braucht man häufiger und allgemeiner. Darum muß man immer einen guten Vorrat von diesen allgemeingültigen Tugenden zur Hand haben.«15

Wie können wir anderen Menschen zeigen, daß Christus wirklich lebt? »Wir müssen so leben, daß die Menschen, denen wir begegnen, sagen können: Der ist ein Christ, denn er haßt nicht, er weiß zu verstehen, er ist nicht fanatisch, er hat sich in der Gewalt, er kann Opfer bringen, er sucht den Frieden, er liebt.«16 Unsere Welt braucht das Zeugnis jener, die - weil sie an Christus Maß nehmen - ein feines Gespür für alles haben, was in der Schöpfungsordnung grundgelegt ist. Dazu gehört auch die Achtung der Menschenrechte und ein geschärftes Empfinden für die Natur u= 16 Unsere Welt braucht das Zeugnis jener, die - weil sie an Christus Maß nehmen - ein feines Gespür für alles haben, was in der Schöpfungsordnung grundgelegt ist. Dazu gehört auch die Achtung der Menschenrechte und ein geschärftes Empfinden für die Natur nd den pfleglichen Umgang mit ihr. Das gute Erdreich - das ist der einzelne mit seinen natürlichen Tugenden. Sie befruchten die Welt und wirken so mit, daß die Gnade Gottes leichter von vielen Menschen angenommen wird.

1 Mt 13,1-9. - 2 K. Berger, Manna, Mehl und Sauerteig, Stuttgart 1993, S. 26. - 3 ebd., S. 27. - 4 Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S. 69. - 5 ebd. - 6 J. Pieper, Das Viergespann, München 1964, S. 9. - 7 R. Guardini, Tugenden, Mainz 1987, S. 11. - 8 Katechismus der Katholischen Kirche, 1804. - 9 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 1. - 10 ebd., 10. - 11 vgl. Lk 17,17-18. - 12 vgl. Lk 7,44-46. - 13 vgl. Mt 5,14-16. - 14 H. Jaegen, Der Kampf um das höchste Gut, Trier 1908, S. 115. - 15 Franz von Sales, Feuer und Tau, Freiburg 1986, S. 33. - 16 J. Escrivá, Christus begegnen, 122.



Webmaster mail; Languages: Deutsch English Español Français Italiano Latviešu Nederlands Polski Português Slovenčina Русский